Demokratie geht uns alle an.

„Wir sind der Osten“ tritt gegen Klischees an

Ostdeutsche Lebensentwürfe in all ihrer Vielfalt zu zeigen, das ist der Anspruch der Initiative „Wir sind der Osten“. Mitgründer Christian Bollert spricht im Interview über Inspirationen, sein erstes Lego und westdeutsche Vorurteile.

 

Herr Bollert, 30 Jahre nach dem Fall der Mauer treten Sie an, um die Menschen in und aus Ostdeutschland sichtbar zu machen. Warum ist das nötig?

Christian Bollert: Auch 30 Jahre nach der friedlichen Revolution sind Menschen mit ostdeutschen Biografien in unserer Gesellschaft unterrepräsentiert. Das ist mal abgesehen von der Kanzlerin in der Spitzenpolitik so, in den Führungsebenen der Wirtschaftsunternehmen, bei Richter*innen, Anwält*innen, Rektor*innen. Es gibt keinen Bereich, in dem sich die tatsächliche Größe der Bevölkerung – nämlich rund 16 Millionen Menschen mit ostdeutschen Biografien – nach außen hin wirklich widerspiegelt. Für mich bedeutet das: Auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist es nicht gelungen, eine größere Fairness hinzubekommen und damit einhergehend auch mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt.

 

Wie entstand die Idee, die Initiative „Wir sind der Osten“ ausgerechnet im Jubiläumsjahr 2019 zu gründen?

Christian Bollert: Auslöser war ganz klar die Europawahl im vergangenen Jahr. Da hatten viele von uns das Gefühl, dass das Bild von Ostdeutschland, das die Öffentlichkeit dominiert, nicht unseren Erfahrungen entspricht. Der Impuls zur Gründung kam von der Journalistin Melanie Stein. Sie hat in den sozialen Netzwerken und ganz persönlich am Telefon verschiedene Menschen mit ostdeutscher Biografie angerufen und direkt gefragt, ob sie sich auch mehr Sichtbarkeit wünschen für die verschiedenen Lebensentwürfe, die es in Ostdeutschland gibt. Und dann gab es tatsächlich im Sommer 2019 so eine Art Blind Date von Interessierten.

 

Wie haben Sie dieses Treffen erlebt?

Christian Bollert: Vor allem war ich überrascht, weil dort einige Menschen waren, die ich aus beruflichen Zusammenhängen oder auch einfach aus den Medien und dem Netz kannte, von denen ich aber bis dahin gar nicht gewusst hatte, dass sie auch eine ostdeutsche Biografie haben.

 

Warum war das so bedeutsam für Sie?

Christian Bollert: Es hat mir deutlich gemacht, dass viele Ostdeutsche dazu tendieren, sich eher zu verstecken und nicht so nach außen zu kehren, dass sie aus Ostdeutschland kommen. Viele von uns haben versucht, ihren Dialekt abzulegen und bloß nicht ostdeutsch zu wirken. Wobei auch interessant ist, dass viele sich gar nicht als ostdeutsch sehen – bis sie nach Westdeutschland kommen. Und dort wird man dann eher auf Klischees zurückgeworfen.

 

Wie äußert sich das?

Christian Bollert: Das sind diese Fragen und Sprüche: Sind bei Euch wirklich alle Nazis? Du sächselst ja gar nicht. Das habe ich relativ häufig gehört, von Menschen aller Generationen. Dass sie sozusagen in Düsseldorf oder München zur Ostdeutschen oder zum Ostdeutschen gemacht worden sind und sich vorher gar nicht so sehr mit ihrer Herkunft auseinandergesetzt haben.

 

Also geht es in der Initiative auch darum, mehr mitzubestimmen, was öffentlich als ostdeutsch wahrgenommen wird?

Christian Bollert: Definitiv. Ich glaube, dass in der Beschäftigung mit den ostdeutschen Bundesländern die westliche Sicht bisher sehr dominiert hat.

 

Was ist falsch oder unvollständig an dieser Sichtweise?

Christian Bollert: Zum vollständigen Bild gehört, dass auch im Osten die gesellschaftlichen Zusammenhänge wahnsinnig komplex sind und dass die Mehrheit der Gesellschaft sehr wohl demokratisch und progressiv denkt. Oder das Klischee vom Jammer-Ossi: Der ist mir so nur selten begegnet. Im Gegenteil, ich habe sehr viele Menschen getroffen, die Initiativen starten, die engagiert sind und Dinge anpacken. Deshalb ist es ein Ziel von „Wir sind der Osten“, den Menschen eine Stimme zu geben, die hier für Vielfalt, Demokratie und das Grundgesetz stehen und die die Dinge vorantreiben. Manchmal vielleicht sogar weitaus progressiver, als in anderen Regionen Deutschlands.  Wir denken, dass andere auch von den ostdeutschen Biografien und Lösungen lernen könnten.

 

„Die Mehrheit der Menschen in Ostdeutschland denkt sehr wohl demokratisch und progressiv. Dieser Mehrheit wollen wir eine Stimme geben.“


Christian Bollert, Mitgründer der Initiative „Wir sind der Osten“

 

Auf der Website erzählen Sie vor allem persönliche Geschichten vom Bleiben, vom Gehen und Wiederkommen. Gibt es denn eine Geschichte, die Sie besonders bewegt?

Christian Bollert: Die eine Geschichte gibt es für mich nicht. Inzwischen haben sich Hunderte beteiligt und alle Geschichten zusammen ergeben ein sehr vielfältiges Bild von Ostdeutschland. Das ist etwas, was mich begeistert. Und da sind alle Regionen dabei, die urbanen Räume wie Magdeburg oder Rostock genauso wie die ländlichen Regionen in der Altmark oder an der Elbe. Es haben sich Alte und Junge beteiligt. Menschen, die zur Wiedervereinigung noch ein Kind waren ebenso wie Leute, die jetzt weit über 70 sind und aus der Wiedervereinigung ganz klar mitgenommen haben, dass man sich selbst engagieren muss, dass man Zivilgesellschaft aufbauen muss.

 

Sie selbst haben Mauerfall und Wiedervereinigung als Kind erlebt. Welche Erinnerung haben Sie an die Zeit und die Erwartungen, die Sie und Ihre Familie damals vielleicht hatten?

Christian Bollert: Ich war sieben Jahre alt, als die Mauer fiel und habe mich vor allem über das bunte Spielzeug gefreut, das man im Westen kaufen konnte. Mein Begrüßungsgeld habe ich komplett für Lego ausgegeben. Das war so der erste Moment, in dem ich den Kapitalismus und die unbegrenzten Einkaufsmöglichkeiten erlebt habe. Ich erinnere mich aber auch, wie ich damals schon wahrgenommen habe, dass meine Eltern sich komplett umorientieren mussten, wie alle Ostdeutschen ihrer Generation. Dieses Ankommen im neuen System, mit Steuernummer, Krankenversicherung, neuen Job suchen, zum Arbeitsamt gehen, Bewerbungen schreiben, was man vorher nie musste – das war sehr viel damals und es herrschte eine große Unsicherheit. 16 Millionen Menschen mussten sich neu orientieren.  

 

Auch für eine Familie war es sicher ein Kraftakt, diese Umbrüche gut zu bewältigen.

Christian Bollert: Auf jeden Fall. Ich kenne Geschichten von Freundinnen und Freunden, die zum Bewerbungsgespräch ihrer Eltern mitgegangen sind oder deren Bewerbungen geschrieben haben. Das war in meiner Familie nicht so. Aber an diese allgemeine Überforderung erinnere ich mich noch.

Gleichzeitig gab es sehr große Erwartungen. Da war die Hoffnung, ernst genommen zu werden und ein relevanter Teil dieser Gesellschaft und der Bundesrepublik zu werden. Die allermeisten dieser Hoffnungen sind sicher auch erfüllt worden. Aber es gibt eben auch sehr viele Menschen, die enttäuscht wurden, die berechtigterweise das Gefühl haben, dass ihre Stimme und ihre Bedürfnisse nicht ernst genug genommen worden sind.

 

Das wollen Sie jetzt nachholen?

Christian Bollert: Ich wünschte mir natürlich, dass wir so eine Initiative wie „Wir sind der Osten“ gar nicht nötig hätten. Im Prinzip arbeiten wir eigentlich daran, uns abzuschaffen. Aber gerade Anfang der Neunziger sind so viele Sachen nicht thematisiert worden: persönliche Verletzungen, aber auch kollektive Probleme. Stichwort Treuhand, Verstaatlichung, Privatisierung, Massenarbeitslosigkeit, Gewalt und Rechtsextremismus. Vielleicht war auch alles zu viel auf einmal, um es aufzuarbeiten.

 

Passiert die Aufarbeitung denn jetzt?

Christian Bollert: In den letzten Jahren ist etwas in Gang gekommen. Ich erinnere mich an ein Interview mit Katharina Witt, in dem sie erzählt, dass sie eigentlich erst jetzt mit ihren Eltern darüber sprechen kann, wie das für beide Seiten war, dass sie so früh zum Star im Westen wurde und quasi ihre Familie in Chemnitz durchgefüttert hat. Manchmal braucht es eben Zeit, um über solche Dinge zu reden.

Ich glaube auch, dass wir uns alle in Deutschland spätestens seit 1995 nicht mehr richtig zugehört und ausgetauscht haben. Jeder hat vor sich hingelebt und irgendwie versucht, zurechtzukommen. Für mich gibt es so eine Episode, als ich im Auslandsjahr war: Da haben sich Engländer, Amerikaner, Franzosen und Holländer viel, viel stärker für meine Biografie interessiert als viele Bekannte aus westdeutschen Bundesländern. Für viele mit westdeutscher Biografie war offenbar irgendwie klar: DDR, das war Unrechtsstaat und Stasi, mehr muss ich nicht wissen. Die Leute aus anderen Ländern waren viel interessierter und offener, haben mehr Fragen gestellt.

 

Wenn Sie Ihre Heimat Ostdeutschland mit fünf Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Christian Bollert: Zurückhaltend, beständig, ehrlich, würde ich sagen. Gleichzeitig aber auch kompliziert. Und inspirierend. Das auf jeden Fall.  Was mich nämlich sehr fasziniert am Osten, ist, dass hier noch viel im Werden ist. Das bietet eben auch die Möglichkeit, mitzugestalten. Und sehr viele nutzen diese Möglichkeit, davon wollen wir erzählen.  

 

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft, auf 40 Jahre deutsche Einheit. Was wünschen Sie sich für 2030 für das Miteinander in Deutschland?

Christian Bollert: Ich würde mir wünschen, dass wir einen Schritt weiter sind, was die rein zahlenmäßige Repräsentanz von Menschen mit ostdeutschen Biografien angeht. Dass es normal ist, dass auch in den ostdeutschen Bundesländern an den entscheidenden Positionen nicht ausschließlich, aber eben immer auch ostdeutsche Menschen sitzen. Eigentlich geht es natürlich darum, dass alle Teile der Gesellschaft widergespiegelt sind, Ostdeutsche, Migrant*innen, Frauen, Menschen mit unterschiedlicher geschlechtlicher Orientierung. Das ist das große Ziel.

 

Sind Sie da optimistisch?

Christian Bollert: Was die Rolle von Ostdeutschen angeht, schon. Ich denke, da ist eine gute Entwicklung im Gang, die sich auch nicht mehr aufhalten lässt. Und mit „Wir sind der Osten“ wollen wir diesen Prozess noch etwas beschleunigen.

 

Christian Bollert

Christian Bollert, Jahrgang 1982, wuchs in Potsdam auf und lebt heute in Leipzig. Der Journalist ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter des Podcast-Radios detektor.fm. Zudem gründete er 2019 die Initiative „Wir sind der Osten“ mit. Deren Mitglieder wollen ostdeutsche Biografien stärker sichtbar machen. Hier geht´s zur Website von „Wir sind der Osten“.

 

© Wir sind der Osten, Susann Jehnichen

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