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Tahir Della über Rassismus: „Wir brauchen ein umfassendes Problembewusstsein“

 

Rassismus durchdringt alle gesellschaftlichen Ebenen und deren Strukturen, sagt Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. Er fordert eine grundlegende Auseinandersetzung auch mit der Kolonialgeschichte.

 

Herr Della, die Bewegung Black Lives Matter hat auch in Deutschland eine öffentliche Diskussion über Rassismus angestoßen. War das überfällig?

Tahir Della: Absolut. Zwar gibt es schon seit längerem eine Debatte über Rassismus, aber viele öffentliche Bereiche und staatliche Institutionen klammern sich dabei aus und denken, dass es in ihren Strukturen kein Rassismusproblem gibt.

 

Beziehen Sie sich auf die Polizei?

Tahir Della: Auch. Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken hat vor kurzem etwas flapsig formuliert, dass die deutsche Polizei ein Rassismusproblem habe. Ich stimme ihr zu bzw. würde das nicht als latent bezeichnen. Ich würde es aber auch nicht auf die Polizei beschränken. Rassismus ist in vielen Lebensbereichen vorhanden: auf dem Wohnungs- und dem Arbeitsmarkt, beim Umgang mit Geflüchteten und im Bildungsbereich.

 

Können Sie ein Beispiel nennen?

Tahir Della: Bei der Wohnungssuche erleben Schwarze Menschen, dass sie sich telefonisch um eine Wohnung bewerben und die frei ist. Dann gehen sie hin und die Wohnung ist schon „vergeben“. Wenn sich das wiederholt, ist schnell klar, dass es sich nicht um lauter Zufälle handeln kann.

 

Und das passiert häufig? Das sind keine Einzelfälle?

Tahir Della: Ja, es ist ganz wichtig, von dieser Idee wegkommen, dass Rassismus ein Einzelfall sei. So ist es nicht, es ist ein strukturelles und institutionelles Problem. Ich möchte die vielen Facetten von Rassismus beim Thema Bildung deutlich machen: Schwarze Schülerinnen und Schüler sind einerseits mit rassistischem Verhalten von Lehrkräften direkt und persönlich konfrontiert. Gleichzeitig wird in den Schulen und an den Universitäten teilweise auch noch mit Lehrmaterialien gearbeitet, die diskriminierende Sichtweisen enthalten. Zudem wird es People of Colour es systematisch schwer gemacht, einen höheren Abschluss zu erreichen, das belegen zahlreiche Studien.

Rassismus ist ein großes, komplexes Problem, mit dem wir uns lange nicht beschäftigt haben. Die Bewegung in den USA und der Tod George Floyds haben gezeigt, dass es wichtig ist, sich diesem Problem endlich umfassend zu widmen. Denn es wird nicht kleiner, wenn man es ignoriert.

 

„Nicht die Hautfarbe ist der Grund für die Diskriminierung, sondern rassistische Denkweisen.“


Tahir Della, Vorstand der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland

 

Wie könnte die Gesellschaft dieses Problem angehen?

Tahir Della: Erstmal brauchen wir Offenheit, das Problem zu erkennen und als solches zu benennen. Dann brauchen wir auch Forschung und eine Definition: Was ist überhaupt Rassismus? Wir müssen uns mit der Geschichte des Rassismus in Europa beschäftigen, uns ein Bild davon machen, wo Rassismus sich heute offenbart. Erst dann können wir Lösungen entwickeln. Leider sind wir davon noch ziemlich weit entfernt.

Mit dem Afrozensus, der ersten großangelegten Befragung Schwarzer Menschen in Deutschland, wird jetzt ein Anfang gemacht. Es ist eine große Online-Befragung von einem Zusammenschluss von NGOs, die in diesem Frühjahr gestartet ist und alle Lebensbereiche abdeckt. Die Ergebnisse können dann Basis sein für Handlungsempfehlungen an die Politik. Das Projekt wird von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes gefördert. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass der Staat seiner Verantwortung nachkommt und selbst eine solche Erhebung initiiert.

 

Die Grünen fordern, den Begriff Rasse aus dem Grundgesetz zu streichen. Unterstützen Sie diese Forderung?

Tahir Della: Was die Grünen genau fordern, ist eigentlich ein Ersetzen des Begriffes Rasse durch eine Formulierung wie rassistische Zuschreibung. Das unterstützen wir als ISD, denn wir wollen einen Perspektivwechsel weg von den Betroffenen, hin zu denen, die diskriminierend handeln. Nicht die „Hautfarbe“ ist der Grund für die Diskriminierung, sondern rassistische Denkweisen, Handlungen und Vorstellungen.

 

Sie sind Promotor für Postkolonialisierung und Antirassismus beim Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlag (BER), einem NGO-Netzwerk. Welche Aufgaben haben Sie in dieser Funktion?

Tahir Della: Meine Aufgabe ist es, zivilgesellschaftliche Arbeit in diesem Bereich zu unterstützen und zu befördern. Die Stelle wird vom Land Berlin mitfinanziert und es geht darum, eine Verbindung herzustellen zwischen kolonialer Vergangenheit und Rassismus. NGOs, die sich mit dieser Verbindung beschäftigen, sollen gestärkt werden. Denn auch das ist ein wichtiger Aspekt: Viele Akteure, die sich gegen Rassismus engagieren, sind ehrenamtlich aktiv, viele Initiativen arbeiten unter prekären Bedingungen. Das macht die Beschäftigung mit dem Thema schwieriger.

 

Welche Defizite sehen Sie bei der Aufarbeitung deutscher Kolonialgeschichte?

Tahir Della: Wir wissen zu wenig darüber, im Bildungsbereich kommt die deutsche Vergangenheit als Kolonialmacht so gut wie gar nicht vor. Deshalb denke ich, dass eine der größten Herausforderungen ist, das Wissen darüber zugänglich zu machen. Dann wird auch deutlich, wie verwoben dieser Teil der Geschichte mit vielen anderen wichtigen Themen ist, beispielsweise Migration und Flucht, Klimagerechtigkeit oder Handelsgerechtigkeit. Im öffentlichen Raum sind koloniale Spuren ja durchaus noch sichtbar, es gäbe also noch einiges zu erforschen.  

 

 

Ein Aspekt der sichtbaren Kolonialgeschichte ist diesen Sommer stark diskutiert worden, nämlich die Benennung von Straßen und Plätzen. Sie fordern, dass die Mohrenstraße in Berlin künftig Anton-Wilhelm-Amo-Straße heißen soll, nach dem ersten Schwarzen Akademiker Preußens. Welche Bedeutung hätte eine solche Umbenennung?

Tahir Della: Straßennamen sind eine Möglichkeit, eine Beschäftigung mit Rassismus – und im konkreten Kolonialrassismus – überhaupt in Gang zu bringen.  Straßennamen ehren Menschen, die für das Land und die ganze Gesellschaft große Bedeutung haben. Manchmal finden sich dort aber auch Personen, die schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt haben wie Völkermord, Raubzüge und Plünderungen. Oder es sind eben diskriminierende Bezeichnungen wie bei der Mohrenstraße.

Wir als ISD wünschen uns Umbenennungen, aber in dem Sinne, dass nicht willkürlich irgendein Name gewählt wird, sondern dass sich weiter mit dem Thema auseinandergesetzt wird. Anton Wilhelm Amo war der erste bekannte Philosoph afrikanischer Herkunft und hat sich zudem stark positioniert gegen die Ungleichbehandlung Schwarzer Menschen. Er hat sozusagen den Grundstein gelegt für Schwarzes intellektuelles Leben in Deutschland.

 

Ihre Argumente kommen aber nicht bei allen an, es gibt auch Widerstände. Ist die Zähigkeit der Diskussion um Straßennamen ein Ausdruck für die noch nicht aufgearbeiteten Probleme, die sie angesprochen haben?

Tahir Della: Ja, wir sind leider noch nicht an dem Punkt, an dem es gesellschaftlicher Konsens ist, dass „Mohr“ ein diskriminierender Begriff ist, der nicht ins heutige Straßenbild gehört. Dann kommen immer diese Argumente, das sei vor 200 Jahren noch nicht diskriminierend gewesen. Das bringt uns nicht weiter, zeigt aber, dass die Mehrheitsgesellschaft noch nicht bereit ist, sich mit Rassismus wirklich tiefergehend auseinanderzusetzen. Die Angst, etwas zu verlieren, was immer das auch sein mag, scheint größer zu sein, als wir uns vorstellen können. Dabei gäbe es meiner Ansicht nach etwas zu gewinnen, nämlich eine diskriminierungsfreie Gesellschaft.  

 

Denken Sie, dass die jetzt angestoßene Bewegung sich langfristig positiv auf Gleichbehandlung, Respekt und Vielfalt in der Gesellschaft auswirken wird?

Tahir Della: Das ist das Ziel, natürlich. Und wir merken schon, dass es in kleinen Schritten vorangeht. Der Schnellschuss der Berliner Verkehrsbetriebe, die Haltestelle Mohrenstraße in Glinkastraße umzubenennen, war zwar etwas unglücklich, weil der Komponist Michail Glinka sich antisemitisch geäußert hat und es ja auch gar keinen Bezug zum vorherigen Namen gibt. Aber es zeigt, wenn jemand etwas ändern will, kann es schnell gehen.

 

Und gibt es jenseits von Straßenumbenennungen positive Anzeichen für einen Wandel?

Tahir Della: Ja, die sehe ich durchaus. Beispielsweise haben das Land Berlin und die Kulturstiftung des Bundes in diesem Jahr ein auf fünf Jahre angelegtes Projekt zur Aufarbeitung der Berliner Vergangenheit als Kolonialstadt aufgelegt. Es gibt weitere Projekte, für die auch öffentliche Gelder bereitgestellt werden. Es tut sich etwas. Und das Gute ist: Die schwarze Community wird in diese Aufarbeitungsprozesse mit eingebunden. Das begrüße ich und wünsche mir, dass es so weitergeht.

 

Tahir Della

Tahir Della ist Sprecher der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) e. V.“. Der gemeinnützige Verein kämpft gegen rassistische Diskriminierung, bietet Schwarzen Kindern und Jugendlichen Räume und Aktivitäten an, und macht sich in Politik und Gesellschaft für die Belange Schwarzer Menschen stark. Hier gibt es mehr Infos zur Initiative Schwarze Menschen in Deutschland.

 

© Tahir Della

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