Demokratie geht uns alle an.

Stiftungsarbeit 2020: durchkreuzte Pläne und bewegende Momente

Ausstellungen konnten nicht wie geplant stattfinden und das Stiftungsthema Demokratie war allgegenwärtig: Dr. Ralf Nemetschek und Silke Zimmermann blicken auf ein herausforderndes Jahr zurück, dem sie durchaus auch Positives abgewinnen können.  

 

Dr. Nemetschek, Frau Zimmermann, das Jahresende steht vor der Tür. Sind Sie erleichtert, dass 2020 bald vorbei ist, erschöpft oder auch ein bisschen hoffnungsvoll für 2021?

Silke Zimmermann: Ein bisschen erschöpft auf jeden Fall. Leben und Arbeit haben sich stark verändert. Und Umbruchsprozesse sind eben auch kraftraubend, denn für Veränderungen muss man mehr Energie aufbringen, als in einem „running system“. Daher freue ich mich jetzt auf die anstehende Pause am Jahresende. In Bayern sprechen wir von der „stade Zeit“, der stillen Weihnachtszeit, die dann meist doch keiner so still und ruhig erlebt. Diesmal vielleicht schon. Damit möchte ich jetzt natürlich nicht kleinreden oder ausblenden, dass Menschen einsam sind und sich Begegnungen statt Stille wünschen. Ich denke, es gibt beides. Diese Pandemie beziehungsweise ihre Auswirkungen sind so vielfältig wie unsere Gesellschaft.

Gleichzeitig ist jedes neue Jahr für mich mit Neugier verbunden auf das, was kommt. Ich finde, die ersten Tage eines neuen Jahres sind wie ein frisches Schulheft. Die Seiten sind noch unbeschrieben und ich freue mich auf die ersten Einträge. Und auch, wenn wir jetzt schon absehen können, dass der Jahresbeginn weiterhin kraftraubend und enervierend sein wird, sehe ich auch wieder goldene, helle Tage vor meinem geistigen Auge. Und auf die freue ich mich sehr.

 

Dr. Ralf Nemetschek: Erleichtert bin ich tatsächlich, aber eher darüber, dass mein näheres Umfeld und unsere Mitarbeiter*innen bisher gut durch die Pandemie gekommen sind. Erschöpft ebenfalls, denn 2020 war wirklich auf allen Ebenen ein forderndes Jahr. Und zu guter Letzt und vor allem bin ich hoffnungsvoll für 2021. Das hat aber gar nicht so viel mit diesem speziellen Jahr zu tun, sondern damit, dass eine optimistische Sicht auf die Zukunft für mich alternativlos ist. Sowohl was das persönliche Glück anbelangt, als auch für eine gelingende Gesellschaft. Und die Geschichte hat gezeigt, dass eine positive Zukunftserwartung – bei allen Herausforderungen, denen wir entgegensehen – durchaus gerechtfertigt ist. Oder wie einer unserer Stiftungsräte gerne sagt: „Früher war fast alles schlechter.“

 

Corona hat in alle Lebensbereiche gewirkt, außerdem ist sonst auch ganz schön viel passiert: Welche Themen haben die Stiftung 2020 besonders bewegt?

Silke Zimmermann: Wir blicken ja seit längerem besorgt auf das Thema „Fake News und Desinformation“. Gerade dieses Thema hat im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie noch mehr an Bedeutung gewonnen. Leider. Aber auch das Meta-Thema „Vertrauen“ – und zwar in die Politik, aber auch in die Mitmenschen – hat uns in diesem Jahr sehr bewegt. Eine Pandemie kann man nur als Gemeinschaft bezwingen und da spielt Vertrauen ineinander eine zentrale Rolle. Auch für die post-pandemische Gesellschaft ist das eine große Fragestellung: Wie werden wir zukünftig miteinander leben, wenn Abstand und Distanzierung sich als kulturelle Techniken verstetigt haben? Und springt die räumliche Distanzierung auch auf die sozialpsychologische Ebene über? Wie geht es also weiter? Dabei linsen wir natürlich mit einem Auge längst in die Zukunft: 2021 ist Superwahljahr in Deutschland. Und sicherlich wird das aktuelle Krisenmanagement auf Bundes- und Länderebene den Ausgang dieser Wahl beeinflussen. Die Frage ist nur, ob die Tür für die demokratiefeindlichen Kräfte weiter geöffnet wird oder ob sich die Demokratie dann eben doch als so krisenfest erweisen konnte, dass die Wähler*innen ihr Vertrauen wieder verstärkt in die etablierten Parteien des demokratischen Spektrums setzen.

 

Dr. Ralf Nemetschek: In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass 2020 ja auch noch die Wahl eines neuen US-Präsidenten zu bieten hatte. Zwar ging die Entscheidung aus europäischer Sicht ganz knapp positiv aus. Doch vier Jahre Trump-Regierung haben gezeigt, welche gesellschaftszersetzende Wirkung ein politischer Dialog – häufig war es ja auch ein Monolog – hat, der rein auf Polarisierung setzt. Der bewusst angefachte Vertrauensverlust in demokratische Strukturen und Prozesse hat mir wirklich wehgetan. Ich würde mir wünschen, dass wir alle – da nehme ich mich jetzt nicht aus – unsere Aufgeregtheit wieder etwas herunterfahren. Zurück in den konstruktiven Dialog und wo nötig auch in den kultivierten Streit, das ist mein Motto für 2021.

 

„Eine Pandemie kann man nur als Gemeinschaft gewinnen und da spielt Vertrauen ineinander eine zentrale Rolle.“


Silke Zimmermann, Kuratorin und Mitglied der Geschäftsführung

 

Das Stiftungsthema Demokratie war in diesem Jahr gesellschaftlich omnipräsent: Ob bei Diskussionen über die Verfassungsmäßigkeit der Corona-Maßnahmen, im Umgang mit Querdenker-Demos oder mit Blick auf rassistische Attentate wie in Hanau. Inwieweit beeinflussen diese Entwicklungen und Diskussionen Ihre Arbeit?

Silke Zimmermann: Wir beobachten natürlich alles und diskutieren intern. Wir sind oft besorgt und manchmal auch ratlos, mit Blick auf so viel Hass und Gewalt in der Gesellschaft. Wir können aber nicht auf alle Entwicklungen und Ereignisse unmittelbar in unserer Stiftungsarbeit reagieren. Das hat zwei Gründe: Zum einen sind wir eine verhältnismäßig kleine Stiftung. Unsere personellen Ressourcen sind sehr beschränkt und keinesfalls vergleichbar mit den großen Stiftungen, die ganz anders und kurzfristig reagieren können. Und zum anderen haben wir uns als Stiftung auch der großen Frage verschrieben „Wie wollen wir leben?“. Oder anders formuliert: „Wie soll das Leben in einer demokratischen, offenen, toleranten Gesellschaft organisiert sein?“ Daher versuchen wir immer wieder, große gesellschaftspolitische Fragestellungen zu definieren, auf die wir als Gesellschaft Antworten finden müssen, die aber im Hier und Jetzt des Alltages oft zu wenig Beachtung finden.

 

Dr. Ralf Nemetschek: Auch wenn wir nicht immer ein eigenes Projekt für alle tagesaktuellen Ereignisse aufsetzen können, so bieten diese uns einen Anlass, um die übergeordneten Fragen zu diskutieren. Und zwar nicht im Elfenbeinturm oder in der Theorie, sondern ganz praktisch. Zum Beispiel die Corona-Maßnahmen. Für die grundsätzliche Klärung, ob diese verfassungsgemäß sind, gibt es eine eigene Instanz, das Bundesverfassungsgericht. Schon schwieriger ist die Frage nach der Verhältnismäßigkeit einzelner Maßnahmen. Ein erhellender Moment für mich war in diesem Zusammenhang die Aussage der Bundeskanzlerin, dass das Offenhalten der Schulen und der Geschäfte im November eine politische Entscheidung war. Auch wenn wir jetzt leider doch an einem Punkt sind, an dem das gesamte gesellschaftliche Leben pausieren muss, war es richtig, Prioritäten zu setzen und diese vor allem auch zu kommunizieren. Nur so kann eine gesellschaftliche Diskussion entstehen. Und genau diese wollen wir mit unseren Projekten weiter befördern.

 

Mit Maske, Abstand und weniger Exponaten: #neuland-Ausstellung. Bild: Museum für Kommunikation Nürnberg

 

Sie hatten große Ausstellungen mit zahlreichen Besucher*innen geplant: Wie sehr hat Corona Ihre Pläne durchkreuzt?

Silke Zimmermann: Sehr! Es betraf ja vor allem die neuentwickelte Ausstellung „#neuland – Ich, wir und die Digitalisierung“ und unseren Dauerbrenner „Geheimnis – ein gesellschaftliches Phänomen“. Die Premiere von #neuland fiel zunächst mal komplett ins Wasser. Am 25. März, dem Eröffnungstermin, saßen wir ja bereits im Lockdown. Da haben wir uns dann mit einer digitalen Preview beholfen. Aber das war schon deprimierend: Wir hatten diese Ausstellung in der wahnsinnigen Rekordzeit von gerade mal einem Jahr erarbeitet und uns sehr angestrengt, dass das alles klappt. Dann stand sie da, fertig aufgebaut – und keiner durfte ins Museum. Erst zwei Monate später konnten die ersten, wenigen Besucher*innen die Ausstellung sehen. Und das auch in abgespeckter Form: Wegen der Hygieneregeln blieben einige interaktive Stationen gesperrt oder wurden wieder abgebaut.

Die Geheimnis-Ausstellung sollte Ende April von Frankfurt am Main nach Nümbrecht wandern. Da sind wir auch komplett aus dem Zeitplan geflogen. Wir konnten erst Anfang Juni den Abbau vornehmen – natürlich nur unter sehr strikten Vorsichtsmaßnahmen. Und erst im September konnte die Ausstellung dann in Nümbrecht ihre Türen öffnen.  

 

Dr. Ralf Nemetschek: Das Durchkreuzen unserer Pläne hatte aber auch positive Aspekte. Das Kuratorinnen-Team der #neuland-Ausstellung hat sich im ersten Lockdown nämlich kurzentschlossen an die Arbeit gemacht und innerhalb von vier Wochen die sogenannte Corona-Spur kuratiert. Diese hat quasi in Echtzeit beobachtet, wie sich die Nutzung digitaler Entwicklungen durch die Corona-Pandemie beschleunigt und verändert hat. Am Ende hat diese inhaltliche Ergänzung der Ausstellung dazu geführt, dass sie von den Medien als „Ausstellung der Stunde“ betitelt wurde. Das war natürlich ein toller Erfolg und bei all den Anstrengungen, die durch die vielen Verschiebungen und Anpassungen an die Hygienestandards notwendig waren, auch eine schöne Belohnung.

 

„Eine optimistische Sicht auf die Zukunft ist für mich alternativlos. Sowohl was das persönliche Glück anbelangt, als auch für eine gelingende Gesellschaft.“


Dr. Ralf Nemetschek, Vorsitzender des Vorstands der Nemetschek Stiftung

 

Gibt es Erfahrungen aus diesem Corona-Jahr, an die Sie anknüpfen möchten?

Silke Zimmermann: Wir haben mit Digital- und Hybrid-Veranstaltungen experimentiert und durchaus positive Erfahrungen gemacht. Damit wollen wir auch in Zukunft weiterarbeiten. Auch das Kuratieren aus dem Moment heraus, wie bei der Corona-Spur, hat sich als großer Erfolg herauskristallisiert. Aus diesen Erfahrungen wollen wie lernen und sie für die zukünftige Arbeit berücksichtigen.

 

Dr. Ralf Nemetschek: Auch die Tatsache, dass wir als Team in den „remote“-Strukturen des Homeoffice weiterhin den Betrieb unverändert am Laufen halten konnten, war eine sehr positive Erfahrung. Sofern die äußeren Rahmenbedingungen dies zuließen, konnten wir unsere Vorhaben alle umsetzen. Dabei hat uns sicherlich geholfen, dass wir seit Jahren mit externen Projektpartnern bereits die Zusammenarbeit auch in nicht-lokalen Strukturen erprobt haben. Daher fühlen wir uns als Team gestärkt, weil wir bisher gut durch diese anstrengende Zeit gekommen sind.

 

Bei Ihren Projekten arbeiten Sie eng mit Kulturschaffenden zusammen, die besonders stark von den Einschränkungen durch die Pandemie betroffen sind. Denken Sie, die Kulturlandschaft kann sich davon erholen?

Silke Zimmermann: Ich persönlich erlebe das nicht nur durch die Stiftungsarbeit, sondern auch im privaten Umfeld, wo ich Kontakt zu Musiker*innen und freien Künstler*innen habe. Diejenigen, die feste Engagements an öffentlich finanzierten Häusern haben, blicken natürlich anders in die Zukunft als diejenigen, die ausschließlich frei arbeiten. Insgesamt bin ich doch optimistisch, dass sich die Kulturlandschaft als solche erholen wird. Die Menschen haben Sehnsucht nach Kultur. Das hat sich im Sommer gezeigt, als die wenigen, möglichen Angebote trotz Einschränkungen und Hygieneauflagen sehr gut genutzt wurden. Aber alles wird sich vermutlich nicht halten können. Ich rechne mit Kürzungen der Kulturetats, möglicherweise werden auch Sponsoren- und Fördergelder knapper. Das Angebot wird sich verändern.

 

Dr. Ralf Nemetschek: Vor allem für die betroffenen freischaffenden Künstler*innen ist das im Moment eine extrem harte Zeit. Und die Lage war schon vor der Pandemie – zumindest in München – nicht gerade rosig. Eine Vorhersage, ob wir zumindest das „alte Niveau“ wieder erreichen, traue ich mir jetzt nicht zu. Letztendlich ist es immer auch eine politische Frage, wie viel und welche Kultur sich eine Stadt leisten will. Von mir aus könnte es ruhig mehr und zeitgenössischer sein.

 

Gibt es Momente im Rahmen der Stiftungsarbeit, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind, Sie vielleicht berührt haben?

Silke Zimmermann: Für mich sind es zwei Momente. Der erste war meine letzte Dienstreise im März. Ich bin mit einem Mietwagen von München nach Frankfurt am Main gefahren, um unsere #neuland-Ausstellung technisch abzunehmen. Aus rechtlichen Gründen musste das persönlich erfolgen. Die Autobahn war quasi leer, fast schon gruselig, und ich habe auf einem Rastplatz angehalten, um die inzwischen legendäre Pressekonferenz mit Markus Söder anzuhören, der den ersten Lockdown verkündete. Der zweite Moment war die Eröffnung der gleichen Ausstellung, die inzwischen umgezogen war, am 27. Oktober in Nürnberg. Das war eine regelrechte Zitterpartie. Bis zum Beginn der Veranstaltung um 19 Uhr war unsicher, ob sie stattfinden kann. Am Ende saßen wir dort mit 20 geladenen Gästen, alle separiert, alle mit Maske. Das wird mir auf jeden Fall ewig in Erinnerung bleiben! Und auch die Erleichterung und Freude darüber, dass wir doch mal wieder in unmittelbarer Präsenz anderer Menschen eine Veranstaltung machen konnten, das hat mich doch sehr berührt.

 

Dr. Ralf Nemetschek: Ein starkes Bild habe ich im Zusammenhang mit unserer „Werkstatt Demokratie“ in Erinnerung, welche wir im Dezember gemeinsam mit der Süddeutschen Zeitung und der Akademie für politische Bildung Tutzing veranstaltet haben. Aufgrund des Infektionsgeschehens konnten wir die eigentlich geplante Präsenzveranstaltung nicht durchführen und sind auf ein virtuelles Format ausgewichen. Dazu wurde der Veranstaltungsraum in Tutzing zu einer Art Kontrollraum mit Leinwand und Projektion aufgebaut. Dieser Anblick und die Live-Schaltungen haben mich als großen Apollo-Fan kurz an die legendäre NASA-Überwachungszentrale erinnert: „Tutzing, wir haben ein Problem“. Nur schade, dass ich als Moderator gleich wieder ausquartiert wurde. Da fühlte ich mich dann einsam wie Michael Collins…

 

Dr. Ralf Nemetschek gehört zu den Gründungmitgliedern der Stiftung und leitet sie seit 2008 als Geschäftsführender Vorstand. Als Physiker hat er in der Stiftungsarbeit den naturwissenschaftlichen Blick auf die Welt sowie auf Fakten und Zahlen und setzt sich als Vorstand mit Herzblut für die demokratische Kultur in Deutschland ein.

 

Silke Zimmermann ist Kuratorin und Programmleiterin der Nemetschek Stiftung sowie Mitglied der Geschäftsführung. Bevor sie zur Stiftung kam, war Silke Zimmermann lange für Kultur und Medienprojekte im Einsatz. Jetzt beobachtet die Theaterwissenschaftlerin und Soziologin die Themen der Zeit, kuratiert mit Leidenschaft reflexive Denk- und Erlebnisorte und rollt der Demokratie den roten Teppich aus.

 

© Nemetschek Stiftung, Museumsstiftung Post und Telekommunikation/Daniel Karmann

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