Demokratie geht uns alle an.

Schöne neue Welt – ich, wir und die Digitalisierung

Die Digitalisierung serviert uns die Welt im Pocketformat überall und zu jeder Zeit. Und mit dabei sind unzählige neue Möglichkeiten der Interaktion. Doch die Wahl zwischen Postkarte und E-Mail, Chat und Spaziergang beeinflusst auch unser Verhältnis zu Nähe und Distanz. Und darüber sollten wir unbedingt reflektieren. Ein Erfahrungsbericht von Silke Zimmermann.

 

Es ist Samstagabend und ich sitze mit zwei Freundinnen an meinem Küchentisch. Der einen schenke ich ein Getränk ein, die andere schenkt sich notgedrungen selbst ein. Denn für ein Projekt lebt und arbeitet sie seit mehreren Wochen in Prag. Gemeinsame Treffen sind daher keine Option, aber mittels einer Video-Gesprächs-App verbringen wir den Samstagabend trotzdem zu dritt. Wir sehen uns also über meinen Handybildschirm, der an der Blumenvase lehnt und lachen und philosophieren zusammen über die Ereignisse der vergangenen Woche. Als wir uns verabschieden, ist es weit nach Mitternacht. Auch wenn ich nur die eine zur Tür begleite, fühlt es sich dennoch so an, als wären beide Freundinnen physisch anwesend gewesen. Lediglich die Verabschiedung an der Tür bleibt bei einer von ihnen aus. In Zeiten von Corona fällt die sonst übliche Umarmung jetzt aber ohnehin weg.

Abschied von Mix-Tapes und Kleinbildfilmen

Beispiele für meinen digitalen Alltag wie dieses finden sich viele. Ich, die Liebhaberin von gedruckten Büchern und feiner Papeterie, die Frau, die früher mit Leidenschaft Kassetten-Mix-Tapes für Freund*innen zusammenstellte, mit einer Hand voll Kleinbildfilmen durch die Welt reiste und den unbequemen Kinosaal so oft der heimischen Couch vorgezogen hat, halte heute also die Fäden meines täglichen Lebens tatsächlich in einem kleinen digitalen Gerät zusammen, das in meine Hosentasche passt. Fotos, Musik, Kontakte, Nachrichten, E-Mails, Dokumente, Präsentationen, die besagte Video-Plattform-App, die ich am Samstagabend anwerfe, um mit Freund*innen zu quatschen und am Montagmorgen nutze, um aus dem Homeoffice das Team-Meeting zu leiten – all das kumuliert zu einem Abbild meiner Welt im Pocketformat. Das fühlt sich für mich noch immer manchmal wie eine neue Welt an, wie ich, die kritische Soziologin, mit etwas Erstaunen oft an mir selbst beobachte.

Postkarte und Chat ergänzen sich

Es ist aber auch eine schöne Welt für mich als moderne Nomadin. Ich habe im Ausland studiert und gearbeitet, in Deutschland an mehreren Orten gelebt, arbeite mobil oder ortsungebunden und ziehe noch immer mit dem Rucksack neugierig durch die Welt, um sie aus neuen Blickwinkeln kennenzulernen. Die Digitalisierung eröffnet mir soziale Räume und erschafft mobile Erinnerungsorte, die in Zeiten von Printfotos und Luftpost nicht existierten. Heute kann ich beides nutzen: Die Postkarte und die Chat-Nachricht – mein Kommunikationsraum verdoppelt sich, die sozialen Erlebnisse vervielfältigen sich, sie werden bunter, diverser, situativer, direkter. Die schnelle organisatorische Sprachnachricht an die Lieben daheim bedient andere Bedürfnisse als die freudig ausgewählte Postkarte an die Patenkinder in Berlin oder der abendliche Chat mit Freund*innen in Nepal.

Störfaktoren wie Hass-Mails und Frust vor der Fitness-App

Das sind also die schönen Seiten. Aber bleibt es dabei? Mit meiner soziologischen Brille beobachte ich, wie sich durch die Nutzung der Digitalisierung viele fundamentale Fragen an unser gesellschaftliches Zusammensein stellen, die wir im ersten Moment gar nicht immer erkennen oder wahrnehmen. Zu oft fokussieren wir uns nur auf die Funktionen, die Möglichkeiten und Potenziale der digitalen Anwendungen und der Geräte, die wir für unser digitales Leben benötigen. Die Frage „Was macht das eigentlich mit Dir, und mit mir – also mit uns?“, die stellen wir häufig erst dann, wenn das Kind im metaphorischen Sinne bereits in den Brunnen gefallen ist. Wenn Hass-Nachrichten unseren Instagram-Kanal überfluten, wenn die Anhänger*innen von Verschwörungsmythen den Thread unter dem Facebook-Post dominieren, wenn zwischenmenschliche Verstimmungen sich in der Chat-Gruppe entladen, wenn scheinbar liebgewonnene Menschen plötzlich den Kontakt abbrechen, wenn wir gefrustet auf die Kurven und Diagramme unserer Fitness-Apps blicken, wenn die Signaltöne aus der Hosentasche das Essen am Familientisch stören.

 

„Digitalisierung ermöglicht Nähe und Distanz gleichzeitig, weil wir unabhängig werden von Raum und Zeit.“


Silke Zimmermann, Programmleiterin der Nemetschek Stiftung und Mitglied der Geschäftsführung

 

Neues Verhältnis zu Nähe und Distanz

Es gibt viele wissenschaftliche Ansätze, um die Auswirkungen der Digitalisierung auf Individuum und Gesellschaft zu erklären. Sie ergänzen sich zu einem facettenreichen Bild, da sie die Phänomene unserer Zeit aus unterschiedlichen Fachrichtungen untersuchen – Psychologie, Soziologie, Medien- und Kommunikationswissenschaft sind dabei nur die geläufigsten Disziplinen, die Fragen formulieren, und manchmal auch Antworten darauf geben können. Eine Beobachtung, die immer wieder in meinen Gedanken Raum findet, ist die Frage nach dem sich verändernden Verhältnis von Nähe und Distanz. Digitalisierung ermöglicht beides gleichzeitig, weil wir unabhängig werden von Raum und Zeit. Das digitale Ich lebt asynchron und in Echtzeit, online und offline. Eine Anwendung kann mir menschliche Nähe ermöglichen, weil ich tausende von Kilometern und mehrere Zeitzonen ohne großen Aufwand kommunikativ überwinden kann, um Freude und Glück zu teilen. Und zwei Atemzüge später schafft sie Distanz, Misstrauen und Sorge, wenn das Fehlen von zwei blauen Häkchen anzeigt, dass Nachrichten nicht gelesen oder nicht beantwortet werden. Der geografisch überwundene Raum erzeugt neuen – gedanklichen – Raum für Interpretation und Spekulation. Kontakt auf digitalen Plattformen erzeugt Nähe zwischen Menschen, die sich in Gruppen und Foren anonym und geschützt zu sensiblen, persönlichen oder intimen Themen austauschen; nur ein paar Klicks entfernt bietet der digitale Raum genug zwischenmenschliche Distanz, um Hass in Foren zu verbreiten und menschenverachtende Kommentare zu posten.

Menschlichkeit und Optimismus bewahren

Ich denke, jede und jeder findet im eigenen Leben Beispiele für diesen neuen Umgang mit Nähe und Distanz. Deshalb bin ich überzeugt: Wenn wir die schöne, neue, digitale Welt menschlich, nahbar, offen, optimistisch und demokratisch gestalten wollen, dann müssen wir alle darüber nachdenken, wie wir unser Nähe-Distanz-Verhältnis neu regulieren wollen und können. Wie können wir mehr Nähe und Vertrauen schaffen, wo es nötig ist?  Und wo müssen wir mehr Distanz und Misstrauen aufbringen, um Grenzen zu rassistischen, menschenverachtenden und antidemokratischen Inhalten, Meinungen und Haltungen aufzuzeigen?

Gemeinsam nach neuen Strategien suchen

Ich, die Anfängerin, beginne bei mir selbst oft mit kleinen Übungen: Erstmal Wort für Wort lesen, was in dieser Chat-Nachricht steht und der Interpretation zunächst widerstehen. Auch mal mit überlegten Worten auf einen Kommentar antworten, der völlig mit meiner Weltanschauung kollidiert. Immer wieder abwägen, ob ich nicht doch lieber nach einem gemeinsamen Spaziergang frage anstatt die 85. Nachricht zu tippen. Mein vorläufiges Fazit: Es gibt viele Strategien, um sich in der schönen, neuen Welt zu orientieren. Lassen Sie uns gemeinsam danach suchen. Aber jetzt muss ich los. Der Küchentisch ist gedeckt und ich erwarte Besuch zum Abendessen. Ganz analog und heute mal ohne Video-Chat. Gar nicht neu, aber auch schön.

 

Silke Zimmermann

Silke Zimmermann ist Kuratorin und Programmleiterin der Nemetschek Stiftung sowie Mitglied der Geschäftsführung. Die Errungenschaften der Digitalisierung nutzt sie reichlich, privat wie beruflich.
Die Nemetschek Stiftung hat dem Thema Digitalisierung eine ganze Ausstellung gewidmet. Alle Infos zur Schau „#neuland: Ich wir und die Digitalisierung“ finden Sie hier.

 

© Alex from the Rock – stock.adobe.com, Nemetschek Stiftung

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