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US-Wahl 2020: „Biden bleibt nichts anderes übrig, als die Hand auszustrecken“

Denkbar knapper Vorsprung für Joe Biden, tagelanger Krimi bei der Auszählung der Wahlstimmen, Abgründe beim Campaining – Julius van de Laar, früher tätig als Strategieberater für Barack Obama, im Gespräch über den Kurs des „President Elect“.

 

Der Demokrat Joe Biden hat bei der historischen Präsidentenwahl in den USA Amtsinhaber Donald Trump besiegt. Sein Erfolg im Schlüsselstaat Pennsylvania besiegelte vier Tage nach der Wahl am 3. November Trumps Abwahl nach einer Amtszeit als Präsident. Biden kam am Ende einer Zitterpartie über die Marke von 306 Wahlleuten. Noch-Präsident Donald Trump hat die Wahl bislang nicht offiziell anerkannt.

 

Herr van de Laar, mutmaßlich hat Joe Biden es geschafft, Donald Trump abzulösen. Ich nehme an, auch Sie haben aufgeatmet?

Julius van de Laar: Ja, absolut. Meine Güte, was war das für eine Wahl. Es war megaspannend, kaum jemand konnte sich diesem Wahlkrimi entziehen. Wahnsinn. Dieser Wahlkampf war fundamental anders, als jeder amerikanische Wahlkampf, den wir bisher erlebt haben. Corona, massive Arbeitslosigkeit und ein amtierender Präsident, der bereit ist, alles zu tun, um an der Macht zu bleiben. Wir haben in tiefe Abgründe geschaut. Mit Trump wurde ein Tiefpunkt an negativem Campaining erreicht. Herabwürdigungen, persönliche Angriffe unter der Gürtellinie. Ich bin tief emotional bewegt, natürlich stehe ich den Demokraten nahe, schließlich kenne ich viele der Beteiligten aus dem Biden-Lager persönlich. Ich hoffe für dieses Land.

 

„Ich denke, in den USA hat die Innenpolitik Priorität, bevor es an den transatlantischen Neuanfang geht, den die deutsche Bundesregierung sich wünscht.“


Julius van de Laar, Kampagnen- und Strategieberater

 

Laut New York Times hat Trump sein Bestes getan, die demokratischen Grundlagen der Nation zu untergraben. Sie seien erschüttert, aber nicht gebrochen. Kann Biden dieses Fundament wieder stärken?

Julius van de Laar: Wenn jemand es kann, dann Joe Biden. Er ist ein Pragmatiker, kein Ideologe. In seinen ersten Reden als „President Elect“, also als gewählter Präsident, hat er sehr deutlich gemacht, dass er nun das Mandat hat. Er wird die Geschicke des Landes leiten und sein Anspruch ist, die Menschen zu einen. In seinen ersten Reden hören wir Sätze, die bereits Barack Obama vor 16 Jahren verwendet hat. Den Satz etwa, dass es keine roten und blauen Staaten gibt, sondern nur die Vereinigten Staaten von Amerika.

 

Biden als selbstbewusster Versöhner, der auf das Trump-Lager zugeht?

Julius van de Laar: Ein Versöhner, der persönliche Größe zeigt, wenn er sagt, er wisse, wie es sich anfühlt, zu verlieren. Er kann selbstbewusst auftreten, schließlich hat er wahnsinnig viele Stimmen geholt, fünf Millionen mehr als Donald Trump. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass wir ein extrem knappes Wahlergebnis sehen. Auch Donald Trump hat nochmal mehr Stimmen bekommen als vor vier Jahren. Fast die Hälfe der Bevölkerung wollte ihn erneut als Präsidenten sehen. Der „Trumpismus“ wird also nicht verschwinden.

 

Sie weisen ja auch darauf hin, dass Joe Biden alleine kaum politischen Spielraum hat.

Julius van de Laar: Er ist seit 1848 der erste neu gewählte demokratische Präsident, der keine Mehrheit im Kongress hat. Obama, Clinton, Carter – die konnten zu Beginn ihrer Amtszeit durchregieren. Joe Biden bleibt nichts anderes übrig, als die Hand auszustrecken. Er braucht die Senatorinnen und Senatoren der Republikaner, wenn er etwas bewegen will. Und er hat genug zu tun in diesem Land, das unter Donald Trump schwer angeschlagen wurde.

 

Wo wird er seine Schwerpunkte setzen?

Julius van de Laar: Die Wirtschaftskrise des Landes muss bewältigt werden, also lautet Bidens Versprechen „Jobs, Jobs, Jobs“. Auf der Website joebiden.com/build-back-better werden der Umgang mit der Covid-19-Pandemie sowie das Thema Rassengerechtigkeit als zentrale Herausforderungen genannt.

 

Also müssen wir uns in Europa mit unseren Erwartungen an den neu gewählten Präsidenten Biden gedulden?

Julius van de Laar: Natürlich hat Joe Biden auch den Klimawandel im Blick, was uns in Europa zuversichtlich stimmt mit Blick auf das Pariser Klimaabkommen. Wir sollten uns nichts vormachen – in den USA hat die Innenpolitik Priorität, bevor es an den transatlantischen Neuanfang geht, den etwa die deutsche Bundesregierung sich wünscht.

 

Julius van de Laar

Julius van de Laar ist international als Kampagnen- und Strategieberater gefragt. Der studierte Politik- und Kommunikationswissenschaftler engagierte sich in den US Präsidentschaftswahlkämpfen 2008 und 2012 als hauptamtlicher Wahlkämpfer für Barack Obama. Längst ist seine Expertise auch in Deutschland gefragt, etwa in den Bundestagswahlkämpfen 2009, 2013 und 2017.

 

Mehr unter www.juliusvandelaar.com oder auf Twitter und Instagram unter @juliusvandelaar

 

© Maksym Yemelyanov – stock.adobe.com, Julius van de Laar

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