Demokratie geht uns alle an.

Eine Liebeserklärung an das Internet

Wir sollten uns viel mehr über die Chancen weltweiter Vernetzung freuen, sagt der Journalist und Digitalexperte Dirk von Gehlen. Ein Gespräch über Perspektivwechsel, Digital Detoxing und das Gefahrenpotenzial von Taschenbüchern.

 

Herr von Gehlen, welche Anwendung im Netz lässt Ihr Herz höherschlagen?

Dirk von Gehlen: Ich könnte Ihnen jetzt Twitter nennen, Instagram oder mein Tipp-Kick-Spiel, bei dem ich mit Freunden Fußballergebnisse prognostiziere. Aber in Wahrheit lautet die Antwort: das Internet selbst. Das Web als weltweite Vernetzungsmaschine lässt mein Herz am höchsten schlagen. Dass ich mich über Technologie mit Menschen vernetzen, Ideen austauschen und weiterdenken kann, das fasziniert mich und inspiriert mich auf schöne Art und Weise.

 

Ihre Begeisterung wirkt ja fast etwas provokant. Meist wird in diesem Zusammenhang auf die Haken der Digitalisierung verwiesen. Was macht Sie so euphorisch?

Dirk von Gehlen: Meiner Meinung nach hat das Internet mehr Wertschätzung verdient. Zumindest in Deutschland ist die Wahrnehmung von Technologien oft sehr risikobehaftet. Wir neigen dazu, bei vielen neuen oder fremden Sachen zunächst über mögliche Risiken und Gefahren zu sprechen, aber weniger über die Chancen und die Gestaltungsmöglichkeiten, die damit verbunden sein können. Und weil ich den Eindruck habe, dass der öffentliche Diskurs in Deutschland über die technischen Möglichkeiten des Internets zu stark von Zweifeln und Risikodenke geprägt ist, ist mein Impuls, das Internet zu loben.

 

„Dass ich mich über Technologie mit Menschen vernetzen, Ideen austauschen und daran weiterdenken kann, das fasziniert mich und inspiriert mich auf schöne Art und Weise.“


Dirk von Gehlen, Journalist und Autor

 

Was bezwecken Sie damit?

Dirk von Gehlen: Ich möchte eine andere Perspektive in die Diskussion bringen. Vielleicht die der jungen Menschen, die heute zwischen zehn und 20 Jahre alt sind und das Internet nicht als neues Medium wahrnehmen, sondern als etwas, das schon selbstverständlich da ist. Denn der Diskurs wird doch eher geprägt von Menschen, die in einem anderen Zeitalter sozialisiert wurden und die diese Perspektive der jungen Generation nicht einnehmen. Deshalb also mein etwas provokantes Freuen über die Digitalisierung. Das heißt aber nicht, dass ich die mit der Digitalisierung verbundenen Risiken ausblende. Davon gibt es eine Menge, etwa Hate Speech, Fake News oder Cybermobbing. Das sind große Probleme, die man angehen muss. Und die will ich in keiner Weise in Abrede stellen. Einige Probleme, die Menschen mit der Digitalisierung haben, entstehen aber vielleicht auch deshalb, weil sie neue Herausforderungen mit alten Mitteln lösen wollen: Wer sich zum Beispiel über zu viele Mails beschwert, könnte ja mal ein Filtersystem ausprobieren.

 

Sie haben eine „Gebrauchsanweisung für das Internet“ geschrieben. Was sind die häufigsten Fehler und Irrtümer, die Menschen im Zusammenhang mit dem Internet begehen?

Dirk von Gehlen: Ich verstehe das Internet als Ort, den man bereisen kann. Und ich habe die Gebrauchsanweisung so geschrieben, dass jemand, der quasi schon seinen Zweitwohnsitz im Netz hat, es ebenso lesen kann, wie jemand, der sich eher vorsichtig diesem Reiseziel nähert. Aber tatsächlich geht es mir auch stark um diese zweite Gruppe, um Menschen, die in dieser Destination noch nicht leben, die sich vielleicht im Internet unwohl fühlen. Ich möchte sie ermutigen und inspirieren, sich diesen Ort näher anzuschauen – und dann werden sie feststellen: Es geht gar nicht so sehr um Fehler oder Irrtümer, sondern um die Bereitschaft sich auf diesen neuen Ort einzulassen.

 

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Dirk von Gehlen: Das Internet als Netzwerk lebt davon, dass Menschen sich dort einklinken und beteiligen. Und ein paar Grundbegriffe zu kennen, ist ein wichtiger Punkt, das fällt für mich unter Medienerziehung und Medienkompetenz. Und mein Impuls war, diesen Ort, den ich gerne mag, mit anderen Leuten zu teilen.

 

Sie sind schon seit vielen Jahren digital unterwegs.  Welche Auswirkungen auf die Gesellschaft, aber auch auf das einzelne Individuum beobachten Sie?

Dirk von Gehlen: Es sind nicht so sehr technische Aspekte, die ich nennen möchte, sondern eher Veränderungen auf einer Meta-Ebene. Ich denke, die Veränderung macht sich in drei Komponenten deutlich:

  • Alles beschleunigt sich.
  • Es wird immer komplexer, also nicht nur komplizierter, sondern alles ist mit allem verbunden.
  • Es gibt keine einfachen Antworten mehr und da die Digitalisierung etwas verhältnismäßig Neues ist, gibt es auch keine Vorgängergeneration, die wir nach ihren Erfahrungen fragen könnten.

Diese drei Punkte, also Beschleunigung, Komplexität und fehlende einfache Antworten, führen zu einer gefühlten Überforderung der Gesellschaft.

 

„Als Taschenbücher eingeführt wurden, gab es den Begriff der Lesesucht, die als äußerst gefährlich gesehen wurde. Das zeigt mir, dass dieser Reflex offenbar bei allem Neuen zutage tritt.“


Dirk von Gehlen, Journalist und Autor

 

Was kann man tun?

Dirk von Gehlen: Meiner Meinung nach, kann nur eine Form des digitalen Denkens helfen. Das ist eine Sicht auf die Welt, die nicht von einem Masterplan ausgeht, sondern den Pragmatismus zum Prinzip erhebt. Erstmal ein paar kleine Schritte gehen und sich anschauen, was passiert, welche Entwicklungen angestoßen werden und dann weitersehen. Fünf-Jahres-Pläne helfen uns heute nicht weiter, weil sich alles zu schnell entwickelt und man keinesfalls fünf Jahre vorausschauen kann. Wenn überhaupt, vielleicht zwei Wochen. Beispiel Klimawandel: Ihn zu beklagen, bringt ihn nicht zum Verschwinden. Die eine große Lösung gibt es aber auch nicht. Deshalb muss man in vielen kleinen Schritten versuchen, Lösungen zu finden.

 

Derzeit ist es in Mode, sich mal für ein paar Stunden oder einen Tag aus der digitalen Welt auszuklinken. Machen Sie das auch gelegentlich?

Dirk von Gehlen: Ja, klar! Jede Nacht. Nein, im Ernst, ich finde, dieses Digital Detoxing ist eine Überreaktion. Der Gedanke dahinter ist: Wir sind jetzt immer online, deshalb brauchen wir lange Phasen, in denen wir nur offline sind. Ich glaube, dass die Leistung eher darin besteht, auch innerhalb eines Tages ausgewogen mit den digitalen Medien umzugehen. Ich habe eine These, die ich auch immer anbringe, wenn es um Kinder und Internet geht: Ich denke, jede Sache ist schlecht, wenn man sie zu lange macht. Den ganzen Tag Latein Vokabeln büffeln ist ebenso ungesund, wie den ganzen Tag „Among Us“ zu spielen oder TikTok-Videos zu drehen. Sich den ganzen Tag in Bücher zu versenken – was ja oft als löbliches Gegenbeispiel zur digitalen Beschäftigung gesehen wird – ist auch nicht empfehlenswert. Man sollte zwischendurch mal raus an die frische Luft gehen und sich bewegen. Wichtiger als beispielsweise ein Handyverbot für zwei Tage ist meiner Ansicht nach, der jungen Generation (und uns selbst) zu vermitteln, dass das Unterbrechen von Tätigkeiten und die Flexibilität, die man dafür braucht, notwenige Fähigkeiten sind. Was ich ganz witzig finde: Als Taschenbücher eingeführt wurden, gab es den Begriff der Lesesucht, die als äußerst gefährlich gesehen wurde. Das zeigt mir, dass dieser Reflex offenbar bei allem Neuen zutage tritt.

 

Was vermissen Sie im Internet?

Dirk von Gehlen: In Spurenelementen ist es schon vorhanden, aber ich wünsche es mir viel stärker, größer: Ich nenne es mal die digitale Zivilgesellschaft. Orte, die funktionieren wie in der Stadt Bibliotheken, Volkshochschulen, Nachbarschaftsvereine oder Schrebergärten. Orte, an denen man sich austauschen kann, die aber nicht nach kapitalistischen Prinzipien funktionieren. Dort könnte es Austausch geben, der nicht wettbewerbsorientiert ist, nicht konsumgetrieben. Zum Beispiel ein digitales Jugendzentrum, wo nicht jede Datenspur getrackt und ausgewertet wird. Ich denke, das wäre ein wirklicher Gewinn für uns alle.

 

Dirk von Gehlen

Dirk von Gehlen ist Journalist und Autor. Bei der Süddeutschen Zeitung leitet er die Abteilung Social Media/Innovation und befasst sich mit der digitalen Transformation von Kultur, Gesellschaft und Unternehmen. Sein neuestes Projekt: Dirk von Gehlen möchte einen Heimat- und Brauchtumsverein für Menschen gründen, die im Internet zuhause sind. Mistreiter*innen ausdrücklich erwünscht. Mehr Infos unter dirkvongehlen.de.

 

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