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Lie Detectors bringen kritisches Denken ins Klassenzimmer

Lie Detectors bringen kritisches Denken ins Klassenzimmer

Hilft Knoblauch gegen Corona? Schwamm wirklich ein Hai in der Lagune von Venedig? Die Journalistinnen und Journalisten der Lie Detectors bringen Schülerinnen und Schülern bei, wie sie Nachrichten kritisch hinterfragen. Juliane von Reppert-Bismarck hat das europäische Projekt 2017 gegründet. Sie fordert eine Verankerung von Medienkompetenz in Lehrplänen und in der Lehrerausbildung.

 

Frau von Reppert-Bismarck, in Ihrem Auftrag besuchen Journalistinnen und Journalisten Schulklassen und erklären, wie man Nachrichten auf ihren Wahrheitsgehalt prüft und Meinungsmache erkennt. Wie kam es dazu?

Juliane von Reppert-Bismarck: Ich bin seit 20 Jahren als Journalistin für unterschiedliche Medien tätig. In den letzten Jahren habe ich zwei Entwicklungen beobachtet, die mir Sorge bereiteten: ein mangelndes Vertrauen in den klassischen, professionellen Journalismus und eine stärkere Polarisierung der Medien. Dann hatte ich einige persönliche Begegnungen, von denen ich eine beispielhaft schildern möchte: 2016 erzählte mir eine 13-jährige Schülerin aus einem mittelständisch geprägten Ort in Niedersachsen, dass viele ihrer Klassenkameradinnen Donald Trump zum US-Präsidenten wählen würde, wenn sie denn dürften. Zur Begründung hat sie mir eine Nachricht weitergeleitet, in der die Kandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, auf haarsträubende Weise beschuldigt wurde, CIA-Agenten für sich morden zu lassen. Als ich nach der Quelle fragte, lautete die Antwort: Instagram. Diese Geschichte zeigt deutlich ein Problem.

 

Nämlich welches?

Juliane von Reppert-Bismarck: Kinder und Jugendliche sind auf ganz anderen Medien unterwegs als Erwachsene. Sie nutzen nicht Twitter und Facebook, wo es Moderatoren gibt und ein wachsames Auge, dass zwar manchmal nicht ausreicht, aber immerhin da ist. Kinder und Jugendliche nutzen Instagram, YouTube, TikTok, Twitch oder Fortnite, also auch Spieleplattformen. Dort gibt es kein wachsames Auge, die Inhalte sind schwer, beziehungsweise unmöglich zu moderieren. Aber die jungen Menschen informieren sich dort. Obwohl die Informationen, die sie dort finden, nicht immer zuverlässig sind.

Unter diesen Voraussetzungen: Was bringt es dann mir als Journalistin, wunderbare Artikel und Beiträge zu verfassen, wenn viele der Menschen und vor allem die jungen Leserinnen und Leser gar keinen Begriff mehr davon haben, was guten Journalismus ausmacht und was der Unterschied ist zwischen guter Recherche und einer Lüge?

 

„Geldmacherei und Meinungsmache sind fundamentale Zutaten der Desinformation. Wenn man die Aufmerksamkeit der Kinder und Jugendlichen darauf lenken kann, kann man in Sachen Medienkompetenz bei ihnen sehr viel erreichen.“


Juliane von Reppert-Bismarck, Gründerin des Projekts Lie Detectors

 

Und das bringen die Lie Detectors Kindern und Jugendlichen bei?

Juliane von Reppert-Bismarck: Wir vermitteln Schülerinnen und Schülern sowie den Lehrkräften, dass es einen Unterschied gibt zwischen Wahrheit und Fälschung, dass es auch eine Grauzone gibt, wo es um Meinungen geht, dass es journalistische Fehler gibt und wie man all diese Kategorien unterscheiden kann.

 

Auch viele Erwachsene tun sich schwer, Fake News zu erkennen oder Propaganda von Nachrichten zu unterscheiden. Kann das Kindern denn überhaupt gelingen?

Juliane von Reppert-Bismarck: Ja, eigentlich sogar sehr gut. Denn Kinder und Jugendliche nutzen digitale Medien sehr viel intuitiver als wir Erwachsene. Umfragen bei unseren Teilnehmerinnen und Teilnehmern haben ergeben, dass beispielsweise die 14-15-Jährigen im Schnitt auf fünf Plattformen unterwegs sind. Das ist eine Menge. Oft können sie aber nicht kritisch mit dem umgehen, was sie auf diesen Plattformen sehen. Sie machen keinen Unterschied, ob auf Instagram eine Qualitätszeitung oder ein Blog zitiert wird. Aber, und das ist die gute Nachricht, sie sind sehr empfänglich für das Vermitteln kritischer Medienkompetenz. Wir können also das intuitive Verständnis der digitalen Welt auf die Nachrichtenwelt lenken.

 

Wie machen Sie das?

Juliane von Reppert-Bismarck: Wir geben ihnen Methoden an die Hand, wie sie eine Meldung untersuchen können. Wir sagen: Frag nach der Quelle. Nutze Google oder andere Suchmaschinen, um den Ursprung der Nachricht zu finden und schau nach, wo die Nachricht sonst noch verbreitet wurde. Lies weiter: Schau Dir an, was das Video wirklich zeigt, das so eine reißerische Überschrift hat. Handelt es sich um einen Witz? Häufig wird Ironie verwendet, prüf das.

 

Sie empfehlen auch einfache Werkzeuge, welche zum Beispiel?

Juliane von Reppert-Bismarck: Die Rückwärtssuche für Bilder ist sehr beliebt, denn sie wirkt auf die Schülerinnen und Schüler wie ein kleiner Zaubertrick. Plötzlich sehen sie, dass der Hai, der auf einem Foto in Venedig schwimmt, eigentlich aus einem alten „National Geographic“ ausgeschnitten und in Wirklichkeit im Pazifik fotografiert wurde. Wir empfehlen aber nicht nur digitale Hilfsmittel. Vor allem ermuntern wir dazu, den eigenen Verstand zu nutzen. Sich auch selbst zu fragen: Gibt es vielleicht einen Grund, warum ich diese Nachricht gerne glauben möchte. Gibt es Meinungen, die mich in dieser Sache beeinflussen? 

 

Was bringen die Kinder und Jugendlichen in dieser Hinsicht bereits an Medienkompetenz mit?

Juliane von Reppert-Bismarck: Wenn wir zum Beispiel Falschmeldungen entlarvt haben, fragen wir die Kinder immer, was sie denken, warum diese Meldung verbreitet wurde. Und da kommen sehr interessante Antworten, vor allem von den Jüngeren, den Zehn- und Elfjährigen: Insbesondere die Jungen haben schon ein klares Verständnis von Geldmacherei. Sie sagen: Das ist Clickbaiting, damit kann man Geld verdienen. Viele von ihnen wollen mal YouTuber werden, sie verstehen schon, dass man durch reißerische Texte sehr viel Geld verdienen kann. Vor allem Mädchen sagen sehr oft: Das ist eine Gemeinheit, das ist Cybermobbing. Sie erkennen, dass man die Meinung von Menschen beeinflussen kann, indem man positive oder negative Dinge ins Internet setzt. Sie wissen, wenn ich ein hässliches oder ein schönes Bild einer Mitschülerin auf Snapchat stelle, hat das Folgen.

 

Und mit diesem Vorwissen der Kinder arbeiten Sie?

Juliane von Reppert-Bismarck: Geldmacherei und Meinungsmache sind fundamentale Zutaten der Desinformation. Wenn man die Aufmerksamkeit der Kinder und Jugendlichen darauf lenken kann, kann man in Sachen Medienkompetenz bei ihnen sehr viel erreichen. Nach dem Workshop sagen zum Beispiel viele Teilnehmende, dass sie nicht wussten, dass Journalistinnen und Journalisten so hart arbeiten müssen, um an die Wahrheit zu kommen. Oder, dass sie nicht dachten, dass es so viele Falschmeldungen im Netz gibt. Das sind wichtige Erkenntnisse.

 

 

Für Lie Detectors arbeiten inzwischen rund 200 Journalistinnen und Journalisten. War es schwierig, sie von ihrem Projekt zu überzeugen?

Juliane von Reppert-Bismarck: Ich war selbst verwundert, aber nach der Gründung des Projekts ging alles sehr schnell und es gab ein sehr großes Interesse von Seiten der Journalistinnen und Journalisten, das auch anhält. Ich denke, wir haben da einen Nerv getroffen. Die Kolleginnen und Kollegen profitieren von den Besuchen in den Schulen, denn sie erfahren, wie die nächste Generation der Leserinnen, Zuhörer oder Zuschauerinnen mit Nachrichten umgeht. Und das ist für sie wichtig, damit sie sich anpassen und auf Augenhöhe mit diesem Publikum kommunizieren können. 

 

Nach welchen Kriterien wählen Sie unterstützende Journalistinnen und Journalisten aus?

Juliane von Reppert-Bismarck: Unser wichtigstes Kriterium ist, dass diejenige oder derjenige weder bei politischen noch bei kommerziellen Organisationen angestellt sein darf. Wir haben schon sehr guten Journalistinnen und Journalisten absagen müssen, weil sie zum Beispiel auch Reden für einen Politiker oder eine Politikerin schreiben.

 

Was erwarten Sie von den Lehrkräften an Unterstützung?

Juliane von Reppert-Bismarck: Gar nichts. Und das ist ein sehr wichtiger Punkt, denn wir wollen genau in die Klassen, in denen Medienkompetenz eben nicht schon durch die Lehrkräfte vermittelt wird, entweder weil sie sich nicht dafür interessieren oder weil sie es sich nicht zutrauen.

 

Normalerweise kommt der Journalist oder die Journalistin zu einem einmaligen 90-Minuten-Termin in die Klasse. Wie machen Sie das während der Corona-Pandemie?

Juliane von Reppert-Bismarck: Wir bieten Video-Konferenzen an und haben Arbeitsblätter entwickelt, die die Kinder und Jugendliche durcharbeiten können. Das läuft erstaunlich gut.

 

Wie ist die Nachfrage von Seiten der Schulen?

Juliane von Reppert-Bismarck: Wir arbeiten so, dass wir in eine Region gehen und dort über Schulen und Schulämter ein Netzwerk aufbauen. Das ist oft am Anfang etwas mühselig, aber es kommt dann immer schnell ins Laufen. Inzwischen haben wir so viele Nachfragen, dass wir leider auch Absagen erteilen müssen oder an ähnliche Projekte verweisen, wie zum Beispiel an das Bündnis Journalismus macht Schule, in dem wir auch Teilnehmer sind. Was uns freut: Es gibt Lehrkräfte, die schon seit unserer Gründung mit uns zusammenarbeiten, die laden uns in Parallelklassen ein oder in verschiedene Jahrgänge. Und da beobachten wir dann auch Unterschiede beim Wissensstand der Schülerinnen und Schüler: Klassen, deren Lehrkräfte bereits Erfahrungen mit Lie Detectors haben, haben sich in der Regel auch schon im Unterricht mit unseren Themen beschäftigt. Außerdem bieten wir Nachfolgematerialien an, das wird sehr gut angenommen.

 

Müsste das, was Sie vermitteln nicht eigentlich langfristig in Lehrplänen verankert sein?

Juliane von Reppert-Bismarck: Ich sehe Lie Detectors als ein Notpflaster. Der kritische Umgang mit digitalen Medien sollte Bestandteil des Unterrichts sein, und zwar in jeder Fachrichtung. Es muss einem Biologielehrer genauso möglich sein wie einer Ethiklehrerin, über den kritischen Umgang mit Quellen zu sprechen. Ich denke, die OECD könnte das vorantreiben, indem im Rahmen der Pisa-Noten auch die kritische Medienkompetenz berücksichtigt wird. Die Frage, ob eine Quelle vertrauenswürdig ist oder nicht, sollte Bestandteil des regulären Unterrichts sein, wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Und es geht nicht nur um die Schulen: Wir plädieren auch dafür, dass Medienkompetenz Bestandteil aller Lehramts-Studiengänge wird.  

 

Juliane von Reppert-Bismarck

Juliane von Reppert-Bismarck ist Journalistin und Gründerin des Nachrichtenkompetenzprojekts Lie Detectors. Das Projekt entsendet Journalistinnen und Journalisten in Klassenräume – während der Corona-Pandemie virtuell – damit sie Schülerinnen und Schülern von ihren Recherchemethoden berichten und den kritischen Umgang mit Nachrichten vermitteln. Lie Detectors wird zum größten Teil von der Wyss Stiftung finanziert, einer US-amerikanischen Umweltstiftung. Partnerorganisation von Lie Detectors sind unter anderem das Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit. Das Projekt hat seinen Sitz in Brüssel und wirkt in Deutschland, Österreich und Belgien. Seit der Gründung 2017 haben mehr als 15.000 Kinder und Jugendliche am Projekt teilgenommen. Hier gibt es mehr Infos zu den Lie Detectors.

 

© Lie Detectors (3), Johannes Gappmayer (2)

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