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Stammtischparolen: Per App das Kontern üben

 

Unsachliche oder einfach dumme Sprüche können uns aus der Haut fahren lassen. Ruhig zu bleiben und sachlich zu argumentieren, bringt aber mehr. Damit das öfter gelingt, hat die Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung eine App zum Umgang mit Stammtischparolen entwickelt. Mikis Rieb erklärt, wie „KonterBunt“ funktioniert.

 

Herr Rieb, Hand aufs Herz: Können Sie immer sachlich bleiben, wenn jemand Stammtischparolen ausposaunt?

Mikis Rieb: Natürlich nicht, ich werde in solchen Situationen auch manchmal wütend. Dann antworte ich sarkastisch, laut oder emotional. Das passiert mir vor allem, wenn mir sehr drastische Sprüche zu Ohren kommen, oder wenn Freundinnen und Freunde betroffen sind. Dennoch wünsche ich mir, immer souverän und sachlich zu bleiben. Denn ich merke ja selbst, dass uns die Menschen dann anders zuhören. Vor allem diejenigen, die drumherum stehen.

 

Es geht also nicht nur um die Person, die etwas Ärgerliches gesagt hat?

Mikis Rieb: Nein, nicht nur. Wenn ich als Reaktion auf einen Stammtischspruch ausfallend werde, sehen mich die Umstehenden als Aggressor. Im schlechtesten Fall solidarisieren sie sich sogar mit der Person, die die Parole geäußert hat. Das ist das Gegenteil von dem, was ich möchte. Deshalb ist es wichtig, souverän zu reagieren.

 

Die App KonterBunt bietet Nutzerinnen und Nutzern verschiedene Antwortmöglichkeiten auf Phrasen: Zynische Sprüche sind ebenso dabei wie gute Gegenargumente. Letztere werden mit einem grünem Smiley belohnt. Wollen Sie die Leute zum Diskutieren erziehen?

Mikis Rieb: Leider sind Stammtischparolen nicht einfach nur Phrasen. Es sind häufig abwertende Pauschalaussagen über Gruppen, in denen sich Vorurteile bis hin zu menschenverachtenden Einstellungen ausdrücken, die letztlich einzelne Menschen treffen. Ganz grundsätzlich wollen wir daher Menschen überhaupt zum Widersprechen ermutigen. Und darauf aufmerksam machen, dass sie durch ihre Reaktion auf verbale Attacken die Gesprächsatmosphäre stark beeinflussen können – und damit den weiteren Verlauf der Begegnung. Denn wenn die Person mir gegenüber aggressiv ist und das Gespräch dann eskaliert, könnte es sogar zu Handgreiflichkeiten kommen. Das wollen wir vermeiden.

Pädagogisch wertvoll

„KonterBunt“ ist eine App, die Nutzerinnen und Nutzern zeigt, wie sie auf sogenannte Stammtischparolen reagieren können. Entwickelt wurde sie von der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung in Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern. „KonterBunt“ ist seit Mitte 2019 verfügbar.

Wer mitspielt, bekommt abwertende Bemerkungen aus verschiedenen Bereichen angezeigt, darunter Antisemitismus, Rassismus und Sexismus, und muss sich für eine Reaktion entscheiden. Die angebotenen Antworten reichen von Beschimpfung des Provokateurs bis zu sachlicher Widerlegung. Für Antworten, die die Atmosphäre aufheizen, gibt es rote und wütende Emoticons, deeskalierende Reaktionen werden mit grünen Smileys belohnt. Die App wurde mit dem Pädagogischen Medienpreis 2019 ausgezeichnet, der vom SIN-Studio im Netz e. V. vergeben wird. Lust zum Spielen? Hier geht´s zur App.

 

Wie sind Sie auf die Idee zur App „KonterBunt“ gekommen?

Mikis Rieb: In der politischen Bildung sind Argumentationstrainings gegen Stammtischparolen ein bewährtes Mittel, um Menschen darin zu unterstützen, menschenverachtenden Aussagen zu widersprechen. Professor Klaus-Peter Hufer von der Universität Duisburg-Essen, der uns auch bei dieser App unterstützt hat, hat ein solches Trainingskonzept zum Umgang mit Stammtischparolen entwickelt. Die Angebote werden stark nachgefragt, sind aber natürlich nicht allen Menschen zugänglich, allein schon, weil man sich mehrere Stunden Zeit nehmen und zu einem bestimmten Ort fahren muss. Unsere Idee war, etwas anzubieten, das jeder überall einfach nutzen kann. Denn sehr viele Menschen haben ein Interesse daran, einzuschreiten oder zu widersprechen, wenn Vorurteile, Verallgemeinerungen oder falsche Informationen verbreitet werden. Die App ersetzt natürlich kein vollständiges Training, aber sie ist eine Argumentationshilfe.

 

Wo haben Sie all die Stammtischsprüche gesammelt, auf die App-Nutzerinnen und -Nutzer reagieren sollen?

Mikis Rieb: Dazu haben wir mit vielen Kooperationspartnern aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt zusammengearbeitet. Das sind Institutionen mit hoher Expertise im Themenfeld, beispielsweise die  Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt, sowie Einrichtungen, die mit Menschen zusammenarbeiten, die selbst von Stammtischparolen betroffen sind, darunter die Amadeu Antonio Stiftung.

Wir haben unsere Kooperationspartner gebeten, Parolen zu sammeln, mit denen sie aktuell konfrontiert sind und mögliche Antworten zu formulieren. An der Entwicklung der App haben also Menschen mitgewirkt, die selbst von Vorurteilen betroffen sind. Ihre Ideen und Wünsche, wie mit diesen Vorurteilen umgegangen werden sollte, sind in „KonterBunt“ eingeflossen. Am Schluss haben wir das Ganze einem sogenannten Peer-Review-Verfahren unterzogen: Wir haben uns die Parolen und Antworten gegenseitig vorgestellt, darüber diskutiert und die Gegenargumente oft nochmal verbessert. Das war ein wirklich toller Prozess und wir haben viele Erkenntnisse aus dieser intensiven Arbeit mit den Partnerorganisationen gewonnen.

 

Wie lange hat die Entwicklung der App gedauert?

Mikis Rieb: Das war ein langer Prozess. Einerseits durch die Kooperation mit den anderen Organisationen. Aber auch die Entwicklung der Spielidee und das Programmieren haben Zeit in Anspruch genommen. Insgesamt haben wir ein Jahr an „KonterBunt“ gearbeitet.

 

Wen möchten Sie mit der App erreichen?

Mikis Rieb: Das ist ein wichtiger Punkt: „KonterBunt“ ist keine Anti-Mobbing-App. Unsere Zielgruppe sind nicht die Betroffenen selbst. Denn ob man wirklich mit jemandem diskutieren möchte, der einen persönlich anfeindet, muss jeder selbst entscheiden. Uns geht es um die Mehrheitsgesellschaft. Stammtischparolen werden häufig dort geäußert, wo eben keine Betroffenen sind. Deshalb richtet sich die App erstmal an Menschen, die grundsätzlich einschreiten möchten, aber nicht genau wissen, wie. Diese Personen möchten wir stärken und unterstützen und ihnen Tipps und Tricks geben, wie sie mit solchen Situationen umgehen können. Darüber hinaus wollen wir Menschen mitgeben, wie wichtig es ist, bei menschenverachtenden Aussagen einzugreifen und sich für ein demokratisches Miteinander einzusetzen.

 

Alle kennen die Situation: Jemand macht einen dummen Spruch und in dem Moment ist man sprachlos. Hilft die App dabei, die richtigen Worte zu finden?

Mikis Rieb: Die richtigen Worte muss jeder für sich selbst finden. Unsere App kann die komplexe Realität nur bis zu einem bestimmten Grad wiedergeben. Die Idee ist, dass wir uns im Vorhinein mit Stammtischparolen und Strategien zum Umgang mit ihnen auseinandersetzen. Ich kann mir vorab überlegen: Was antworte ich, wenn jemand einen sexistischen Spruch macht, über behinderte Menschen herzieht oder auf Geflüchtete schimpft? Wenn dann wirklich so ein Spruch fällt, bin ich vorbereitet, denn ich habe ja trainiert. Im besten Fall habe ich eine gute Antwort parat.

 

Wie viele Menschen nutzen die App bereits?

Mikis Rieb: Wir kommen inzwischen auf rund 10.000 Downloads. Für eine Bildungs-App ist das ein sehr guter Wert.  

 

Wie geht es weiter mit „KonterBunt“?

Mikis Rieb: Unser Ziel ist es, die App weiter zu begleiten, sie noch bekannter zu machen und Zusatzmaterial zu entwickeln, damit sie auch in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen besser genutzt werden kann.

 

Mikis Rieb ist Mitarbeiter der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung und hat die App „KonterBunt“ mit entwickelt.

 

© Mikis Rieb, waza! UG, lukz.com

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