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#ichbinhier: Aktionen für mehr Empathie im Netz

Sie wollen den Trollen und Hassreden im Internet etwas entgegensetzen: Die Aktivistinnen und Aktivisten von #ichbinhier tummeln sich auf Facebook und platzieren gezielt tolerante und weltoffene Kommentare. Sarah Gassenmann ist eine von ihnen.

 

Frau Gassenmann, warum engagieren Sie sich bei #ichbinhier?

Sarah Gassenmann: Die Diskussionskultur im Netz hat sich stark verändert, eigentlich kann man gar nicht mehr von Kultur sprechen. Der Ton wird immer extremer. Und in der Folge haben sich inzwischen viele Menschen aus dem Internet zurückgezogen, eben weil ihnen die Art und Weise wie auf Meinungen reagiert wird, nicht mehr zusagt.

 

Aber Sie wollten sich nicht aus dem Internet zurückziehen?

Sarah Gassenmann: Ich bin eher so gestrickt: Wenn ich etwas nicht gut finde, möchte ich auch etwas dagegen tun. Das ist sicher auch eine Charakterfrage. Ich bin ein Typ, der sich nicht vor Konfrontationen fürchtet.

 

„Viele negative Kommentare in kurzer Zeit sind für uns immer ein Warnsignal.
Wir wissen: Da entwickelt sich etwas.“


Sarah Gassenmann, Moderatorin der #ichbinhier-Facebook-Gruppe

 

Sie sind eine von rund 35 ehrenamtlichen Moderatorinnen und Moderatoren der #ichbinhier-Facebook-Gruppe. Was heißt das konkret?

Sarah Gassenmann: Wir beobachten die Facebook-Seiten reichweitenstarker Medien und greifen ein, wenn es dort zu übel wird, also etwa, wenn es eine Flut von rechten oder Hasskommentaren gibt. Viele Gruppenmitglieder beobachten auch regionale Webseiten und schicken dann einen Link in die Gruppe mit dem Hinweis: Da müssten wir mal aktiv werden. Die Moderatoren prüfen das und starten dann vielleicht eine Aktion.

 

Können Sie so eine Aktion an einem Beispiel schildern?

Sarah Gassenmann: Im vergangenen November gab es eine Attacke gegen die 17-jährige Benigna Munsi, die in Nürnberg zum Christkind gekürt worden war. Ich bin morgens ins Internet gegangen und habe die Facebook-Seiten diverser Medien gescannt. Es gab viele Artikel zum neuen Nürnberger Christkind. Häufig war das Bild zu sehen, das das Mädchen von sich selbst gepostet hat, ein schönes Bild, sehr fröhlich, man hat ihr angesehen, wie sehr sie sich freute. Doch es gab sehr viele negative Kommentare, massive Beleidigungen des Mädchens und Bemerkungen wie, das Abendland sei jetzt in Gefahr und man könne das Christkind gleich beerdigen. Mir war sofort klar, dass ich eine Aktion starte, als ich Artikel gesehen habe, die erst eine halbe Stunde alt waren, aber schon 200 Kommentare hatten.

 

Warum ist das wichtig?

Sarah Gassenmann: Viele negative Kommentare in kurzer Zeit sind für uns immer ein Warnsignal. Wir wissen: Da entwickelt sich etwas.

 

Und dann tun Sie was?

Sarah Gassenmann: Ich setze den Link zu dem Post mit den negativen Kommentaren in unserer Gruppe und fordere so unsere Mitglieder auf, selbst etwas zu posten. Wir haben inzwischen rund 45.000 Gruppenmitglieder und sind sehr straff organisiert: Zu jeder Zeit sind mindestens 200 bis 300 Personen aktiv, sodass immer reagiert werden kann.

 

Sarah Gassenmann ist viel im Netz unterwegs und will sich auch nicht zurückziehen. Die Kauffrau aus Köln unterstützt die Opfer von Hate Speech mit positiven, empathischen Kommentaren.

Sarah Gassenmann ist viel im Netz unterwegs und will sich auch nicht zurückziehen. Die Kauffrau aus Köln unterstützt die Opfer von Hate Speech mit positiven, empathischen Kommentaren.

 

Und wie „dreht“ man so eine Kommentarseite?

Sarah Gassenmann: Durch positive Kommentare. Damit das funktioniert, muss man einiges darüber wissen, wie Facebook funktioniert. Kommentare, die viele Likes oder viele Unterantworten haben, wandern nach oben und sind sichtbarer, haben also mehr Relevanz. Und darum geht es uns: dass die emphatischen, positiven und unterstützenden Kommentare zu lesen sind und viel starke Aufmerksamkeit bekommen, sodass die Trolle und Hater eben nicht verstärkt werden.

 

Gibt es Regeln, wie Antworten und Positivkommentare von #ichbinhier-Mitgliedern aussehen sollten?

Sarah Gassenmann: Die Texte sollten sachlich und emphatisch sein, auf Fakten basieren und die eigene Meinung wiederspiegeln, aber eben ohne Hass und ohne Hetze.

 

Haben Sie noch im Kopf, was Sie bei der Christkind-Debatte gepostet haben?

Sarah Gassenmann: Ich bin ein sehr visueller Mensch, deshalb habe ich direkt auf das Bild reagiert und meine Freude darüber kundgetan, dass sie sich so freut. Außerdem habe ich dem Mädchen zur Wahl gratuliert. Ich fand das einfach schön und bin auch nicht auf die negativen Kommentare eingegangen. Das ist nicht mein Stil. Ich versuche es immer eher auf die sachliche und empathische Weise. Allerdings bekomme ich oft Antworten von Leuten, die mir meine Art des Kommentierens übelnehmen und unterstellen, dass ich kritiklos alles hinnehmen würde, was mir erzählt wird oder dass ich am Thema vorbeischreiben würde.

 

Wie gehen Sie damit um?

Sarah Gassenmann: In der Regel ignoriere ich das. Denn da es bei Facebook in der Sortierung nach Aufmerksamkeit geht, würde meine Antwort auf einen dummen Kommentar dem Schreiber oder der Schreiberin ja nur zu noch mehr Aufmerksamkeit verhelfen. Außerdem bin ich der Meinung, dass man die Leute nicht noch bestärken sollte.

 

Der Ton in den Kommentarspalten ist oft grob, ausfällig, verletzend. Wappnen Sie sich, bevor Sie an die Arbeit gehen?

Sarah Gassenmann: Direkt wappnen vielleicht nicht, aber wenn ich beleidigt werde, mache ich mir nochmal klar, dass die Person, die da vor dem PC oder Handy hockt, mich ja gar nicht kennt und sich deshalb auch kein Urteil über mich erlauben kann. Was mir vor allem am Anfang auch geholfen hat, war die Vorstellung, nicht allein zu sein. Das ist ein wesentlicher Punkt von #ichbinhier. Die Mitglieder unterstützen sich gegenseitig. Und zwar längst nicht mehr nur im Netz. Es gibt Regionaltreffen, bei denen wir uns kennenlernen. Das ist sehr schön zu wissen: Man ist nicht allein.

 

Ich bin hier e.V. Konferenz

Ich bin hier – wo bist Du?

Der Hamburger Hannes Ley gründete die Facebook-Gruppe #ichbinhier im Dezember 2016. Das Vorbild kommt aus Schweden und heißt #jagärhär. #ichbinhier hat rund 45.000 Gruppen­mitglieder, die in Kommentarspalten sogenannten „Counterspeech“ praktizieren, also rechter oder beleidigender Hetze etwas entgegensetzen. Inzwischen gibt es auch einen Verein in der analogen Welt: ichbinhier e. V. ist gemeinnützig, das Ziel ist die Sensibilisierung bei Hass im Netz und die Bestärkung gegen Hate Speech. Dabei hat sich ichbinhier e. V. zum Experten gemausert: Menschen und Institutionen, die sich digitalen Angriffen ausgesetzt sehen, lassen sich vom Verein beraten. Mit Bundesaußenminister Heiko Maas, dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet, oder TV-Moderatorin Dunja Hayali erfährt der Verein inzwischen auch breite, prominente Unterstützung. Sein Motto: „Wir brauchen mehr digitale Zivilcourage!“

 

Mehr Infos gibt es auf der Website von ichbinhier e. V.

 

©iStock.com/id-work, privat, Thomas Voß 

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