Demokratie geht uns alle an.

„Geheimnisse sind wie eine soziale Währung“

„Geheimnisse sind wie eine
soziale Währung“

Mit der Ausstellung „Geheimnis. Ein gesellschaftliches Phänomen“ lädt die Nemetschek Stiftung Besucherinnen und Besucher zu einer besonderen Reise ein. Ab 12. Dezember 2019 ist die Schau im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main zu sehen. Wie die Idee dazu entstand und warum Humor durchaus in Museen gehört, erklärt Kuratorin Silke Zimmermann im Interview.  

 

Frau Zimmermann, warum macht die Nemetschek Stiftung eine Geheimnis-Ausstellung?

Silke Zimmermann: Transparenz in Politik und Wirtschaft ist ja ein großes Thema in einer demokratischen Gesellschaft. Dazu wollten wir ursprünglich arbeiten. Irgendwann haben wir aber verstanden, dass es alltagsnäher und persönlicher ist, wenn wir eine ungewöhnliche Perspektive wählen. So kamen wir auf das Gegenstück zur Transparenz: die Geheimhaltung. Und mit dem Thema Geheimnis kann natürlich sofort jeder etwas verbinden.

 

Wie sind Sie die Konzeption der Ausstellung angegangen?

Silke Zimmermann: Es sollte keine klassische Ausstellung mit historischen Exponaten und Objekten werden, sondern ein Denkraum, in dem wir mithilfe von Objekten Anlässe schaffen, die zum Reflektieren, Nachdenken und Diskutieren einladen. Erstmal haben wir uns einen Überblick verschafft: Welche Arten von Geheimnissen gibt es? Wie entstand der Geheimnis-Begriff, wie wir ihn heute kennen? Wer sind Geheimnisträger? Was sind Geheimnishüter? In welchen Bereichen unseres Lebens spielen Geheimnisse eine Rolle? Anschließend haben wir diese Ergebnisse sortiert und geclustert.

In der Ausstellung selbst erzählen wir eine Reise vom politischen Raum zum Ich. Dabei haben wir uns von der Übersetzung des Wortes Geheimnis durch Martin Luther inspirieren lassen. „Geheim“ kommt demnach von „zum Haus gehörig, vertraut“. Daraus haben wir die Idee entwickelt, diese Ausstellung in einer Art „Haus mit verschiedenen Räumen“ zu erzählen.

 

Nicht immer leicht zu trennen: Was wollen wir öffentlich machen und was soll privat bleiben?

Nicht immer leicht zu trennen: Was wollen wir öffentlich machen und was soll privat bleiben?

Inwiefern sind Geheimnisse ein wichtiger Faktor für eine Gesellschaft?

Silke Zimmermann: Geheimhaltung durchdringt alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens: Sie finden sie in der Politik, in der Wirtschaft, in der Arbeitswelt, im Journalismus, im religiösen Leben, in der Gesundheitsvorsorge und im Privatleben sowieso. Es gibt gute Geheimnisse und schlechte Geheimnisse. Geheimnisse sind deswegen wie eine soziale Währung, die darüber entscheidet, ob ich in ein bestimmtes Wissen eingeschlossen werde oder nicht.

 

Der Umgang mit und die Bedeutung von Geheimnissen haben sich aber im Laufe der Jahrhunderte verändert, oder?

Silke Zimmermann: Ja, man könnte allein schon eine Ausstellung über die historische Entwicklung des Geheimnisses machen. Denn das Geheimnis, wie wir es heute kennen, ist historisch gesehen relativ jung. Das hat mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaften und dem Entstehen von Grundrechten wie Privatsphäre zu tun.

 

Silke Zimmermann ist Kuratorin und Programmleiterin der Nemetschek Stiftung sowie Mitglied der Geschäftsführung.

Silke Zimmermann ist Kuratorin und Programmleiterin der Nemetschek Stiftung sowie Mitglied der Geschäftsführung.

Inwieweit verändern digitale Technologien unser Verhältnis zum Geheimnis?

Silke Zimmermann: Unser Konzept von Privatsphäre verändert sich. Viele Menschen teilen auf sozialen Netzwerken relativ freigiebig sehr private Informationen, die durch Teilen und Kommentieren weiterverbreitet werden und sogar in neue Zusammenhänge gesetzt werden können. Das kann man dann gar nicht so einfach wieder einfangen. Auch wo Sie sich gerade aufhalten, kann durch technische Geräte auch für Menschen nachvollziehbar werden, mit denen Sie diese Information eigentlich nicht teilen wollten, beispielsweise, wenn jemand ungefragt ein Foto von Ihnen auf einer Party aufnimmt und das postet.

 

Haben Sie ein Lieblings-Exponat?

Silke Zimmermann: Eigentlich sogar mehrere. Ich hänge sehr an den interaktiven Ausstellungsstücken wie dem Büro, dem Wohnzimmer und unserer „Wundermaschine“ alias dem Beichtstuhl, der anders als der klassische Beichtstuhl nur eine Kabine zum Zuhören und eine Kabine zum Sprechen hat.

Und in die Black Box, einen kleinen, akustisch abgeschirmten Denkraum, die das Ende unserer Ausstellung bildet, setze ich mich jedes Mal hinein. Dieser Ort macht ganz viel mit mir: Ich kann über die Ausstellung, die ich in- und auswendig kenne, nochmal reflektieren. Ich komme dort für einen Moment zur Ruhe, bevor ich mich wieder in die ganzen Themen und die Begegnungen mit unseren Besucherinnen und Besuchern stürze.

 

Für wen ist die Ausstellung gedacht?

Silke Zimmermann: Eigentlich für alle. Sie wurde im Wesentlichen schon für Erwachsene konzipiert, aber an den bisherigen Stationen hat sich gezeigt, dass sich die Ausstellung auch prima für Kinder und Jugendliche eignet, bei denen das Thema „Geheimnis“ ja auch in der Persönlichkeitsentwicklung eine wichtige Rolle spielt. Daher gibt es inzwischen für Kinder und Jugendliche auch spezielle Angebote, wie z.B. einen Rätselcomic, der durch die Ausstellung führt.

 

Die Ausstellung ist interaktiv, bietet Witziges und Exponate zum Anfassen. Ihnen geht es auch um Unterhaltung, oder?

Silke Zimmermann: Ja, das kann man so sagen. Vielen erscheint es zunächst befremdlich, wenn sie hören, dass Demokratiebildung oder gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen mit Unterhaltung zusammengebracht werden. Es wird befürchtet, dass die Ernsthaftigkeit der Themen darunter leiden könnte.

Wir wollen aber vermitteln, dass beides zusammenpasst, dass grübeln, nachdenken, verändern oder mitmachen bei der Demokratie und in der Gesellschaft auch Spaß machen kann. Schließlich möchten wir nicht nur diejenigen erreichen, die – salopp gesagt – sowieso das Grundgesetz auf dem Nachttisch liegen haben. Die Demokratie ist ein attraktives Mitmach-Angebot an alle. Und das darf man auch mal so zeigen, wenn wir möchten, dass möglichst viele Menschen in diesem Land der Demokratie verbunden bleiben.

 

Die Geheimnis-Ausstellung war bereits in mehreren Städten, darunter München und Berlin, zu sehen. Gab es Reaktionen der Besucherinnen und Besucher, die Sie überrascht haben?

Silke Zimmermann: Mich hat an allen Orten immer wieder fasziniert, dass es Menschen gab, die plötzlich die Themen der Ausstellung mit ganz persönlichen Erlebnissen verbinden konnten. In Hannover erinnere ich mich an zwei ältere Damen, denen beim Besuch der Geheimnis-Ausstellung klar wurde, dass ihre wichtigsten Vertrauten, mit denen sie Geheimnisse teilen konnten, leider bereits verstorben sind. Und dass es für diese Personen keinen Ersatz geben kann.

In München hat ein Mann die Ausstellung gleich mehrfach besucht und sich immer wieder in die Objekte und Interaktionen vertieft – das hat mich auch sehr berührt. Und in Berlin habe ich oft selbst in der Ausstellung gesessen und die Besucherinnen und Besucher beobachtet. Dabei fiel mir auf, dass Jugendliche und junge Erwachsene überhaupt keine Berührungsängste mit unserem Konzept der „Ausstellung zum Anfassen und Mitmachen“ haben. Einigen älteren Besucherinnen und Besuchern war anzumerken, dass ihnen dieses Konzept noch nicht so vertraut ist und sie mit dem Begriff Ausstellung hauptsächlich Objekte in Vitrinen verbinden. Es ist auch ein Anliegen von uns, zu einer neuen Herangehensweise an Ausstellungen zu ermutigen.

 

Die Ausstellung

„Geheimnis – ein gesellschaftliches Phänomen“ ist eine interaktive Ausstellung, die von der Nemetschek Stiftung konzipiert wurde. Installationen und künstlerische Objekte veranschaulichen, in welch unterschiedlichen Zusammenhängen Geheimnisse eine Rolle spielen: in Betrieben und in der Kirche, in Familien und in Staatsgefügen. Die Ausstellung wurde erstmals 2016 in München gezeigt und tourt seitdem durch Deutschland. Der nächste Stopp ist Frankfurt am Main: Von 12. Dezember 2019 bis 26. April 2020 ist die Schau im Museum für Kommunikation Frankfurt zu sehen, Schaumainkai 53 in 60596 Frankfurt am Main. Weitere Informationen gibt es beim Museum. Mehr über die Ausstellung selbst erfahren Sie hier.

 

© Museum für Kommunikation Berlin/Kay Herschelmann,
Nemetschek Stiftung

Zurück