Demokratie geht uns alle an.

Die Beschwörung des „Wir“

 Wie kann man sich wehren, als „alter weißer Mann“ abgestempelt zu werden und warum sitzen die Aktivisten von Fridays for Future eigentlich nicht in Parteigremien und Ortsverbänden? Der Philosoph Michael Hirsch und die Autorin Jagoda Marinić im Gespräch über Gruppenbildung und die Gefahr einer geschlossenen Gesellschaft.

 

Ob als Familie, im Sportverein oder beim „Mädelsabend“, Gruppen sind allgegenwärtig. Wann wird aus einer Gruppe Gleichgesinnter eine im negativen Sinne geschlossene Gesellschaft?

Jagoda Marinić: Ich wehre mich sehr gegen diese derzeit dominanten Gruppendefinitionen. Da halte ich es mit dem Komiker Groucho Marx, der gesagt hat: „Ich mag keinem Club angehören, der mich als Mitglied aufnimmt.“ Für mich ist Gemeinschaft immer auch eine Zuschreibung von außen, die etwas Einengendes hat. Vielleicht bin ich nur zwei Stunden die Woche in der Kirche, warum sollte mich das Definieren? Das Ich ist fluider als solche Momentaufnahmen des Ichs in Gruppen. Die individualistischeren, vielfältigeren und nicht konformen Ansätze gehen dabei leicht unter. Eine geschlossene Gesellschaft wird es, wenn das Individuelle sich dem großen Gemeinsamen zu sehr unterordnen muss. Wenn die Gruppe das Ich so stark definiert, dass Zuschreibungen von außen einen Teil von deinem wahrgenommen Ich ausmachen und den Rest dabei übergehen, dann empfinde ich das als bedrückend gegenüber der Vielheit des Ichs. Auch als undemokratisch, weil Demokratie für mich sehr viel mit der Möglichkeit des individuellen Ausdrucks zu tun hat. 

Michael Hirsch: Ich empfinde vor allem die zugeschriebenen Identitäten als problematisch, die zwanghaft auf mich projiziert werden. Alter, Geschlecht, soziale Klasse, kulturelle Herkunft oder auch Intelligenz sind sehr mächtige soziale Kategorien in unserer Gesellschaft, von denen wir umzingelt sind.

 

„Migrant*in“ zu sein, zu den „alten weißen Männern“ zu gehören oder in einem Viertel zu leben, das als „sozialer Brennpunkt“ gilt: das sind Beispiele für Gruppenzugehörigkeiten, die von außen zugeschrieben werden. Was kann man tun, um sich gegen so ein Etikett zu wehren?

Jagoda Marinić: Der erste Schritt ist, die Zuschreibung sowie die Zuschreibenden infrage zu stellen und damit auch Freiheitsräume zu eröffnen. Es bedeutet, mal nicht anzunehmen, was uns zugeschrieben wird.

Michael Hirsch: Sie haben völlig Recht. Es ist allerdings auch sehr schwer, aus dieser Kiste, in die wir reingepackt werden, wieder rauszuspringen. Das Beispiel Alter: Wir werden ständig nach unserem Alter sortiert und es gibt einen regelrechten Altersrassismus, etwa auf dem Arbeitsmarkt. Je älter man wird, desto schwieriger ist es, dort Fuß zu fassen. Im öffentlichen Dienst darf man ab einem bestimmten Alter gar nicht mehr eingestellt werden.

 

Jagoda Marinić

Jagoda Marinić ist Schriftstellerin und publiziert als Kolumnistin. Zuletzt erschien von ihr das Buch „SHEROES – Neue Held*innen braucht das Land“. Marinić engagiert sich unter anderem als Vorständin und Sprecherin der Stiftung Internationale Woche gegen Rassismus.

 

Wie können wir darauf reagieren?

Michael Hirsch: Es ist eine permanente Gegenbewegung. Wir müssen uns immer wieder wehren gegen Zuordnungen und Unterordnungen. Es ist doch so: Die Leute erfahren, jemand hat dieses Alter und jenen Beruf, und sofort schreiben sie der Person ein bestimmtes Verhalten oder Aussehen zu. Ich wünsche mir einen positiven Begriff von offenen und multiplen Identitäten, zwischen denen ich wie ein Fisch im Wasser hin- und herschwimmen kann und der die Bewegungen des Lebens abbildet.

 

Welche Probleme versursacht die Gruppenbildung?

Philipp Hirsch: Geschlossene und zwanghafte Gruppen haben ein Demokratieproblem, weil sie einen Konformitätsdruck erzeugen. Das wird dann auch zum Problem für Individuen und deren Lebensqualität.

 

„Wenn ich mir ansehe, wie die meisten Männer sind: Das ist ein Club, dem ich nicht angehören möchte.“


Michael Hirsch, Philosoph

 

Können Sie denn Gruppen gar nichts Positives abgewinnen? Gruppen können doch auch Geborgenheit und Unterstützung bieten.

Jagoda Marinić: Und warum sollten sich die Menschen nicht helfen können und füreinander da sein, wenn statt des Gruppenbegriffs Freiheit und Individualität stärker im Fokus stünden? Für mich ist es auch eine Mode: Finde deine Gruppe! In Deutschland herrscht derzeit eine sehr konformistische Haltung, die suggeriert: In der Gruppe bist du sicher. Mir fehlt der Freiheitsbegriff und mich stört diese Beschwörung des „Wir“. Dieses vermeintliche „Wir“ führt auch zu einer geschlosseneren Gesellschaft, denn dann bemühen sich immer mehr Menschen immer stärker, auch Teil der Gruppe zu werden, und zwar nach Koordinaten, die doch irgendjemand setzen muss.

Michael Hirsch: Da fühle ich mich direkt angesprochen. Ich bin wohl von außen betrachtet der Prototyp des alten weißen Mannes. Dabei fällt mir keine einzige Gruppe ein, mit der ich mich identifizieren könnte. Wenn ich mir ansehe, wie die meisten Männer sind: Das ist ein Club, dem ich nicht angehören möchte.

 

Ist das eine Entwicklung, in der wir uns befinden oder gab es diese Zuschreibungen schon immer?

Jagoda Marinić: Meiner Ansicht nach hat sich die Gesellschaft in den letzten Jahren im Diskurs immer stärker am vermeintlich naturwissenschaftlich Messbaren orientiert. Deshalb finde ich es schön, mit einem Philosophen zu sprechen. Ich frage mich, wie viel Handwerk unsere Gesellschaft noch besitzt, um über Ideengeschichten zu sprechen. „Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“ – eine Idee, man könnte auch Setzung sagen, auf der dank Hobbes unsere Staatenlehre bis heute beruht. Ich denke, wir sollten der Idee als solche wieder viel mehr Wert beimessen. Das wäre für mich eine Möglichkeit, wie wir uns gegen die Etiketten, die wir uns gegenseitig aufkleben, wehren können. 

Michael Hirsch: Im Prinzip haben wir einen Kulturkampf verloren.  Deutschland war mal Weltmarktführer im Bereich der Literatur, der Philosophie, der Musik. Doch der Stellenwert dieser ganzen Künste hat auf groteske Weise abgenommen. Unser Grundgesetz ist ein Produkt der Rechtsphilosophien aus der Epoche der Aufklärung. Die UN-Charta, das ganze Völkerrecht, wurden eigentlich von Immanuel Kant erfunden. Die Vorstellung, dass sich unsere Gesellschaft ohne Ideen entwickeln kann, ist Irrsinn.

 

Michael Hirsch

Michael Hirsch ist Philosoph, Politikwissenschaftler und Kunsttheoretiker. Er lehrt als Privatdozent an der Uni Siegen Politische Theorie und Ideengeschichte.

 

Was müsste sich ändern?

Michael Hirsch: Wir brauchen mehr Nonkonformität, positive Gegenbegriffe zum Gemeinschaftsdenken, einen starken Begriff von Vielfalt.

 

Ein Bereich, in dem sich Gruppen heute stärker als früher mischen, ist die Politik: Die inhaltlichen Linien zwischen den Lagern verschwimmen. Ist das eine wünschenswerte Durchlässigkeit oder täte uns mehr Polarisierung ganz gut?

Michael Hirsch: Lagerübergreifende Mehrheiten gibt es heute in der Gleichstellungspolitik und beim Thema Ökologie. Ich denke, es ist ein historischer Fortschritt, dass wir neue Allianzen hinbekommen.  Ein Problem sehe ich bei den Themen, für die es diese Allianzen nicht gibt, vielleicht, weil sich bestimmte gesellschaftliche Gruppen nicht dafür interessieren. Das sind soziale Ungleichheit und Umverteilung. Da wünsche ich mir mehr Polarisierung.

Jagoda Marinić: Die Klimabewegung ist von der Größenordnung her vergleichbar mit der Arbeiterbewegung des vergangenen Jahrhunderts, weil sie von so vielen getragen wird. Der große Unterschied ist, dass die Jüngeren, die heute auf die Straße gehen, keine parteiliche Heimat mehr haben oder suchen. Wenn man sich vorstellt, alle Fridays-for-Future-Aktivist*innen würden sich in Ortsvereinen und Gremien engagieren – sie könnten in kurzer Zeit den Bundestag um 20 Jahre verjüngen. Aber das passiert nicht. Es ist eine Absage an das System. Es stimmt also, die alten Lager sind vorbei. Ich sehe das aber durchaus kritisch. Natürlich gibt es nichts Wichtigeres, als den Planeten zu retten, auf dem wir leben, denn ohne Planeten sind alle anderen Fragen hinfällig. Andererseits basiert der Protest gegen den Klimawandel auf einem sehr einfach gestrickten Narrativ, einer Endzeitstory. Die Welt geht unter, wir müssen sie retten. Das ist leicht zu vermitteln. Was ist aber mit Problemen, die komplexer sind, mit denen ich mich länger beschäftigen muss? Ich sehe zu wenig politisches Engagement bei den klassischen Fragen: Wem gehört die Erde auch? Wie sollte Boden verteilt werden? Politisches Engagement ist heute mehr Kampagne und weniger der hässliche Teil aus Gremien, Kompromissen, langweiliger Arbeit.

Michael Hirsch: Ich teile Ihre Meinung, sehe aber positives Potenzial: Ich denke, dass soziale Gerechtigkeit als Frage der Zukunft mobilisierungsfähig ist. Da hätten wir wieder ein Großthema, das auch von den traditionellen Parteien genutzt werden kann.

 

„Würden sich alle Fridays-for-Future-Aktivist*innen in Ortsvereinen und Gremien engagieren – sie könnten in kurzer Zeit den Bundestag um 20 Jahre verjüngen.“


Jagoda Marinić, Schriftstellerin

 

Ein Thema, das uns seit Wochen wie kein anderes beschäftigt: Gibt die Corona-Pandemie der Entwicklung hin zur geschlossenen Gesellschaft sozusagen neue Schubkraft?

Michael Hirsch: Für mich ist das Versammlungsrecht ein neuralgischer Punkt, weil die Demokratie daran hängt. Wie erleben Formen der Isolierung gepaart mit digitaler Überwachung. Statt physischer Kontakte gibt es Videokonferenzen. Das halte ich für problematisch. Natürlich gibt es die Einschränkungen aus gutem Grund, aber wenn wir uns daran gewöhnen, wird die Gesellschaft geschlossener. Wir sehen das im Bildungsbereich, wo Teilhabe jetzt stark davon abhängt, wie groß die eigene Wohnung ist, wie gut das technische Equipment und die eigene digitale Vorbildung.

Jagoda Marinić: Corona hat uns gezeigt: Die geschlossene Gesellschaft lauert hinter der nächsten Ecke. Schauen Sie sich die Geschwindigkeit an, mit der Grenzen geschlossen wurden und nationale Interessen wieder an erster Stelle landeten. Corona hat uns eine Lektion erteilt, wie knapp unter der Oberfläche der Offenheit alte Ängste, Nationalstaatlichkeit und Kleinstaaterei sitzen. Genau darin liegt aber auch die Chance: Wir wurden wachgerüttelt und erkennen, wie knapp wir gerade noch ausgebüxt sind und dass es sich lohnt, für die Offenheit der Gesellschaft weiter zu kämpfen.

 

©iStock/molchanovdmitry, Dorothee Piroelle, Ralph Drechsel

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