Demokratie geht uns alle an.

Corona-Warn-App: „Die beste Option, die auf dem Tisch lag“

Lorena Jaume-Palasí ist Gründerin von The Ethical Tech Society. Die gemeinnützige Organisation erforscht Digitalisierungsprozesse und ordnet diese in Bezug auf ihre gesellschaftliche Relevanz ein. Ein Gespräch mit der Expertin über die Corona-Warn-App in Deutschland:

 

Frau Jaume-Palasí, haben Sie die Corona-Warn-App installiert? Mit welchem Gefühl?

Lorena Jaume-Palasí: Ja, ich habe sie tatsächlich installiert. Einerseits mit einem guten Gefühl, denn sie ist die beste der Optionen, die auf dem Tisch lagen. Andererseits ist eine App natürlich kein Impfstoff und eine App entbindet niemanden von der Pflicht des Contact-Tracings, also der Nachverfolgung von Kontaktketten.

 

Was ist das Plus der App?

Lorena Jaume-Palasí: Dass durch sie auch unbekannte Kontakte, etwa mit Fremden, neben denen man in Bus oder Bahn sitzt, registriert und gegebenenfalls nachvollzogen werden können, ist ein klarer Vorteil. Ist eine Nutzerin oder ein Nutzer positiv getestet worden und hat dies in der App geteilt, meldet sie anderen Anwender*innen, dass sie in der Nähe einer infizierten Person waren. Wir sollten uns allerdings auch klar machen, dass eine App kein Ersatz ist für eine Gesamtstrategie im Public-Health-Sektor. Personen, die sich mit Sars-CoV-2 infiziert haben, müssen auch weiterhin per Telefon befragt werden, um so auch Kontakte rekonstruieren zu können. Man kann nur in einem Gespräch potentielle Fehler bei der App abfangen. Und eine App schickt auch niemanden in Quarantäne.

 

Es gibt also ein Zusammenspiel von Menschen und Technik? 

Lorena Jaume-Palasí: Wir haben es ja mit komplexen Herausforderungen zu tun. Nun ist es an der Zeit, auch digitale Strukturen im Public-Health-Sektor aufzubauen, es kann nicht sein, dass in manchen Gesundheitsämtern Meldungen per Fax eingehen. Leider werden viele der Meldeprozesse in den Gesundheitsämtern noch auf Papier festgehalten. Das ist beispielsweise ein Problem, wenn ein Gesundheitsamt für das Arbeitsumfeld und ein anderes für den Wohnort zuständig ist. Diese müssen sich Informationen gegenseitig übermitteln und das müsste nicht per Fax sein.

 

„Nun ist es an der Zeit, auch digitale Strukturen im Public-Health-Sektor aufzubauen.“


Lorena Jaume-Palasí, Politikwissenschaftlerin und KI-Expertin

 

Die Corona-App der Regierung setzt in hohem Maß auf Freiwilligkeit und hat den anfänglichen Bedenken mit Blick auf den Datenschutz Rechnung getragen. Ist das Ihrer Meinung nach der richtige Ansatz?

Lorena Jaume-Palasí: Beide Aspekte sind zu begrüßen. Das Verfahren war gut. Auch wenn einige bemängeln, dass es vielleicht zu lange gedauert hat, muss man doch grundsätzlich festhalten, dass die Regierung von ihren ursprünglichen Plänen einer zentralistischen Datenspeicherung abgerückt ist.  Es sind übrigens nicht nur die Datenschützerinnen und Datenschützer zu Wort gekommen, auch wissenschaftliche und digitale Communities wurden miteinbezogen – das ist in einer Demokratie unabdingbar.

 

Gleichwohl wurde auch Kritik laut, dass die App nicht alle gesellschaftlichen Gruppen erreicht.

Lorena Jaume-Palasí: Die App ist so angelegt, dass sie eher für privilegierte Menschen zugänglich ist. In den Entwickler-Teams gab es keine Sozialwissenschaftler*innen und Ethiker*innen, die etwa auch darauf geachtet hätten, dass Sprachprobleme besser berücksichtigt werden. Nicht alle sprechen Hochdeutsch, nicht alle sprechen Englisch. Ich denke dabei an Saisonarbeiter aus Osteuropa in Deutschland, aber auch an Menschen mit Behinderung. Immerhin kommen jetzt erste Rückmeldungen, dass die App auch in andere Sprachen übersetzt wird. Das hätte man von Anfang an machen müssen. Damit hat man eine Chance verpasst und bestimmte Gemeinschaften brüskiert, die jetzt die App doch nicht mehr laden werden.

 

Sie forschen auch dazu, welche Effekte Technologien auf Menschen haben. Mit Blick auf die Corona-App – besteht die Gefahr, dass Menschen sich in falscher Sicherheit wiegen und dann nachlässiger mit Schutzmaßnahmen umgehen?

Lorena Jaume-Palasí:  Es kann sein, dass manche auf die Maske und Abstand verzichten. Doch das hat weder mit der Maske, noch mit der App zu tun, sondern mit fehlender Sozialisierungserfahrung mit Epidemien. Ich denke, allen ist klar, dass eine App allein nicht vor Ansteckung schützt. Wir alle müssen lernen, mit der Situation umzugehen. Die Pandemie duldet keine Nachlässigkeit. Im asiatischen Kulturkreis gelten ganz andere Höflichkeitsregeln als bei uns in Europa – dort ist die Abdeckung von Mund und Nase in der Öffentlichkeit in Grippezeiten üblich.

 

Es wird kritisiert, dass die App grundlegende Digitalkompetenz verlangt, über die aber nicht alle in der Bevölkerung verfügen.

Lorena Jaume-Palasí: Neben der Digitalkompetenz wird auch eine entsprechende digitale Ausstattung erwartet. Das muss man sich leisten können. Nicht alle Menschen in Deutschland haben ein Smartphone, so etwa viele ältere Menschen. Und nicht alle haben solch ein modernes Smartphone – auf den älteren Exemplaren lässt sich die App leider nicht installieren. Zudem ist nicht überall in Deutschland ein optimaler Handyempfang gegeben. Es kann also gut sein, dass vor allem gut ausgebildete Menschen im urbanen Raum sie nutzen – und Seniorinnen und Senioren oder Leute, die auf dem Land leben eben nicht.

 

Einige Parteien im Bundestag fordern ein Corona-Warn-App-Gesetz, um vermeintlich fehlendes Vertrauen bei den Bürgerinnen und Bürgern zu schaffen. Wie sehen Sie das?

Lorena Jaume-Palasí: Aus meiner Sicht sollten wir die App erstmal ausprobieren und schauen, wie alles funktioniert. Wir werden dann ja sehen, ob es Bedarf für ein Gesetz gibt. Momentan wird hypothetisch diskutiert, ob man sich eines Tages wird rechtfertigen müssen, wenn man die App nicht nutzt. Bevor man nach einem neuen Gesetz ruft, muss man sich als Gesellschaft darüber verständigen, was es denn mit diesem Gesetz zu klären gilt. Was wollen wir mit dem Gesetz schützen? Zunächst musste überprüft werden, ob die vorhandenen Gesetze hierzu eine Lücke haben, die mit einer Regelung gedeckt werden muss.

Wenn das Schutzgut zum Beispiel die soziale Teilhabe wäre, dürfen wir niemanden diskriminieren. Dann müsste eine entsprechende gesetzliche Regelung her. Diese sollte aber nicht mit der heißen Nadel gestrickt oder unter Umgehung von parlamentarischen Verfahren etabliert werden. Demokratische Prozesse benötigen eben ihre Zeit.

 

Lorena Jaume-Palasí

Lorena Jaume-Palasí ist Politikwissenschaftlerin und forscht zur Ethik der Digitalisierung und Automatisierung. Sie ist Gründerin der „The Ethical Tech Society“, einer gemeinnützigen Organisation, die Technologie auf ihre gesellschaftliche Relevanz hin untersucht. Für die spanische Regierung sitzt Lorena Jaume-Palasi im Weisenrat zu Künstlicher Intelligenz und Datenpolitik. 2018 wurde die Wissenschaftlerin für ihre Initiative „AlgorithmWatch“ mit der Theodor-Heuss-Medaille ausgezeichnet.

 

©iStock/elenabs, Steffen Leidel/Deutsche Welle

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