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Chinabild in Deutschland: Corona verschärft alte Vorurteile

Chinabild in Deutschland: Corona verschärft alte Vorurteile

Unser Blick auf China ist durch Ansichten aus der Kolonialzeit geprägt, sagt die Sinologin und Schriftstellerin Lea Schneider. Sie empfiehlt, sich mal selbst mit Chinesinnen und Chinesen zu unterhalten.

 

Frau Schneider, verändert Corona unser Chinabild?

Lea Schneider: Ich denke, Rassismus und koloniale Sichtweisen sind offensichtlicher geworden. Beides gab es aber schon lange vor Corona und hat auch die China-Berichterstattung in Deutschland über Jahrzehnte hinweg geprägt. Was wir jetzt sehen, ist eine Verschärfung dieser Ressentiments.

 

Wie äußert sich das?

Lea Schneider: Menschen, die als asiatisch angesehen werden, werden auf der Straße beschimpft, sie werden als Krankheitsüberträger oder sogar als Virus bezeichnet, bespuckt und körperlich angegriffen. Darin schwingt eine lange etablierte Vorstellung mit, dass Chinesinnen und Chinesen unzivilisiert seien oder rückständig und dass sie vermeintlich ekelhafte Nahrungsmittel essen.

Nicht tot zu kriegen ist auch die Annahme, dass das Corona-Virus auf einem Markt in Wuhan auf den Menschen übergesprungen sein soll, weil dort irgendwelche exotischen Tiere lebend verkauft worden seien. Inzwischen gibt es erhebliche Zweifel an dieser Vermutung. Wissenschaftler wie etwa der Virologe Christian Drosten vermuten, dass das Virus andernorts vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist und dann erst zum Markt in Wuhan getragen wurde.

 

„Ich habe an keinem Ort der Welt politischere Diskussionen geführt oder wildere Partys gefeiert als in China.“


Lea Schneider, Autorin

 

Und doch ist der Markt in Wuhan eine Art Symbol für die Ausbreitung des Virus geworden.

Lea Schneider: Ich finde es faszinierend, dass sich das immer noch hält. Dabei unterscheiden sich die sogenannten chinesischen „Nassmärkte“ gar nicht so sehr von europäischen Märkten, auf denen frische Ware verkauft wird – denn auf nichts anderes verweist der Begriff „nass“. Es wird einfach mit zweierlei Maß gemessen: Vor Kurzem mussten mehrere deutsche Landkreise den Shutdown verlängern, weil die Zahl der Infektionen dort so stark angestiegen ist. Die Ursache waren fleischverarbeitende Betriebe, in denen sich das Virus besonders leicht verbreitet hatte. Die Behörden haben moniert, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter unter bedrängten und unhygienischen Bedingungen leben. Aber ich habe bis jetzt noch niemanden über die Rückständigkeit und Unzivilisiertheit der deutschen Fleischindustrie schimpfen hören.

 

Sie sagen, es gab schon vor Corona lange etablierte Vorurteile gegen China und gegen Chinesinnen und Chinesen. Woran machen Sie das fest?

Lea Schneider: Es gibt historische Kontinuitäten, die sich durchziehen, in der Art, wie von China erzählt wird. Zum Beispiel wird immer wieder der Begriff „gelbe Gefahr“ benutzt, der aus der Kolonialzeit stammt. Er wurde im 19. Jahrhundert erfunden, um die Angriffskriege europäischer Mächte gegen China zu rechtfertigen.

Dann gibt es eine dauerhafte Darstellung der chinesischen Regierung als eine Art „alles kontrollierendes Terrorregime mit gebrainwashten Untertanen“, die auch nicht als individuelle Menschen dargestellt werden, sondern als kollektive Masse. Zuletzt war wieder auf einem Spiegel-Cover unter der Überschrift „Made in China“ eine eindeutig asiatische, aber entindividualisierte Person zu sehen. Die Boulevardpresse pflegt dieses Vorurteil ohnehin.

 

Sie selbst haben die Menschen in China ganz anders erlebt, oder?

Lea Schneider: Ich habe an keinem Ort der Welt politischere Diskussionen geführt oder wildere Partys gefeiert als in China. Das China unter Staatspräsident Xi Jinping ist ohne Zweifel eine Diktatur. Aber es gibt unheimlich viele Grauzonen, in denen Alltagswiderstand oder abweichendes Verhalten möglich ist. Und diese Spielräume werden von der Zivilgesellschaft auch stark genutzt. Es frustriert mich, dass das so wenig in Deutschland gesehen wird. Natürlich muss die Diskussion über Menschenrechte und Freiheiten geführt werden. Mein Eindruck ist aber, dass die Art, wie sie hierzulande geführt wird, dazu beiträgt, dass es eine absolut falsche und ungerechte Gleichsetzung gibt, und zwar der chinesischen Regierung mit allen Chinesinnen und Chinesen.

 

Lea Schneider

Lea Schneider ist Autorin, insbesondere von Lyrik, und Übersetzerin von chinesischer Gegenwartsliteratur. Schneider hat in China und Taiwan gelebt. Der 31-jährigen gebürtigen Kölnerin ist es sehr wichtig, dass im Gespräch über China auch Chinesinnen und Chinesen zu Wort kommen. Deshalb an dieser Stelle einige Lesetipps von Lea Schneider:

 

Da wünschen Sie sich mehr Differenzierung?

Lea Schneider: Absolut. Denn die aktuelle Sichtweise auf die Volksrepublik ist keine Hilfe für die Zivilgesellschaft und die demokratischen und kritischen Stimmen dort. Oft handelt es sich bei dieser Form von Kritik einfach um eine bequeme Tarnung für Rassismus, der gespeist wird von der ebenfalls aus der Kolonialzeit stammenden Vorstellung, dass Chinesinnen und Chinesen unterwürfig seien.

 

Wie können Menschen, die keine Asienexpertinnen und -experten sind, Nachrichten aus und über China besser einordnen?

Lea Schneider: Was immer hilft: Vorsicht bei einfachen Wahrheiten und Zuschreibungen. Außerdem sollte man sich vor Augen führen, dass Deutschland eine lange Geschichte als Kolonialmacht in China hat, auch eine gewalttätige Geschichte, die unser Chinabild bis heute prägt. Gut ist natürlich auch, mit Chinesinnen und Chinesen ins Gespräch zu kommen, die in Deutschland leben. Die chinesische Community hier umfasst immerhin mehr als 200.000 Menschen.

 

Wie denken Ihre chinesischen Bekannten über Deutschland?

Lea Schneider: Vor allem wissen meine chinesischen Bekannten weitaus mehr über Deutschland als meine deutschen Bekannten über China. Natürlich spreche ich nur für einen bestimmten Ausschnitt der chinesischen Gesellschaft. Aber meine chinesischen Schriftstellerkolleginnen und -kollegen beispielsweise beziehen sich in ihren Werken ganz selbstverständlich auf deutsche Literatinnen und Literaten. Umgekehrt kommt das kaum vor. Dabei würde es sich so sehr lohnen.

© iStock/Spondylolithesis, @mueck-fotografie

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