Demokratie geht uns alle an.

Besser nicht auf Twitter streiten

Emotionen bestimmen unsere Moral und unsere politische Haltung, sagt der Philosoph Philipp Hübl. Das macht Diskurse schwieriger, aber nicht unmöglich.

 

Herr Hübl, bevorzugen Sie Avocadotoast oder Weißwurstsemmel?

Philipp Hübl: Weißwurstsemmel, die Entscheidung fällt mir sehr leicht. Avocadotoast liegt mir nicht so.

 

Wenn ich jetzt noch wüsste, welches Haustier Sie haben, könnte ich Rückschlüsse auf Ihre politischen Präferenzen ziehen, richtig?

Philipp Hübl: Ja, man kann indirekt die politisch-moralischen Einstellungen von Menschen an ihren Haustieren ablesen. Das zeigen Studien aus Amerika.

 

Und wer sich einen Hund hält, ist eher …

Philipp Hübl: … ein konservativer Traditionalist, der die Republikaner wählt. Progressive, also links-liberal eingestellte Menschen, die die Demokraten wählen, haben häufiger eine Katze zu Hause. Das liegt auch auf der Hand: Katzen sind antiautoritäre Individualisten.

 

Tiere haben also mit den politischen Einstellungen ihrer Besitzerinnen oder Besitzer zu tun?

Philipp Hübl: Sie geben einen Hinweis auf die moralischen Prinzipien. Das zeigt beispielsweise eine Befragung von Hundehaltern. Es gibt natürlich auch Demokraten, die Hunde besitzen, und wenn man die fragt, was ihnen wichtig an ihrem Haustier ist, sagen sie, der Hund soll lieb und verspielt sein. Fürsorge und Freiheit sind moralische Prinzipien, die den Progressiven sehr wichtig sind. Republikaner hingegen möchten Hunde, die treu sind und gehorchen. Das wiederum passt zu Autorität und Loyalität, also Werten, die im konservativen Spektrum bevorzugt werden.

 

Sie haben mehrere Hundert Studien aus der ganzen Welt ausgewählt, um diese Schlüsse ziehen zu können.

Philipp Hübl: Eigentlich weiß ja jeder, dass Menschen ein bestimmtes Naturell haben, dass jemand, der sehr auf Regeln und Traditionen bedacht ist, eher dazu neigt, konservativ zu wählen. Das Interessante ist, dass mittlerweile sehr viele Daten und Experimente vorliegen, die diese Annahme belegen. Es gibt Metastudien, die mehrere Tausend wissenschaftliche Veröffentlichungen aus den letzten 20 Jahren ausgewertet haben, die uns etwas über die Korrelation zwischen Verhalten, Vorlieben und moralisch-politischen Präferenzen der Menschen sagen. Wichtig ist dabei: Es sind immer Tendenzen und man kann keine sicheren Rückschlüsse auf das Wahlverhalten einzelner Personen ziehen.

 

Aufgrund dieser Auswertungen von Studien haben Sie „neue Bruchlinien“ in der Gesellschaft ausgemacht, zwischen Alt und Jung, Stadt und Land, Rad- und Autofahrenden. Aber gab es nicht schon immer Konflikte, zwischen den Generationen, zwischen Bewahrern und Modernisierern?

Philipp Hübl: Es gab schon immer diejenigen, die modern und eher der Zukunft zugewandt waren, Vielfalt wollten und vielleicht auch emanzipatorische Werte hochgehalten haben. Auf der anderen Seite standen seit jeher die Traditionalisten, diejenigen, die eher konservativ waren und in die Vergangenheit geschaut haben. Heute zeigen sich die Brüche aber in ganz vielen neuen Phänomenen. Auto gegen Fahrrad zum Beispiel. Das Fahrrad steht für die autofreie Stadt und die ökologische Moderne, während das Auto für das alte System steht. Vielleicht für die alte BRD. Deshalb ist das Auto immer noch ein starkes Statussymbol für Konservative.

 

Inwiefern hat sich das Kräfteverhältnis zwischen den Gruppen verschoben?

Philipp Hübl: Über sehr lange Zeit war der Konservatismus eine erfolgversprechende Strategie: Die meisten Menschen haben die Werte und Lebenseinstellungen ihrer Eltern übernommen. Wer das getan hat, war auf der sicheren Seite. Doch die Industrialisierung brachte schnelle Umbrüche für unsere Lebensweise, die Digitalisierung hat diesen Prozess noch einmal beschleunigt. Und jetzt belohnt die Umwelt, also die moderne, digitale Welt, eher die Progressiven, die Offenen. Ein Beispiel: Wer einen kreativen oder einen High-Tech-Beruf wählt, wird mit Ansehen und Einkommen belohnt. Diejenigen, die wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, werden tendenziell eher benachteiligt. Außerdem haben sie das Gefühl, nicht mehr so richtig mitzukommen.

 

Eine Ihrer Thesen lautet, dass eigentlich Emotionen für die Spaltung der Gesellschaft verantwortlich sind. Wie kommen Sie darauf?

Philipp Hübl: Ich möchte das am Beispiel von Angst und Ekel erläutern: Beides sind evolutionär betrachtet erstmal Schutzmechanismen. Wir ängstigen uns vor dem, was eine Gefahr darstellt, vor Schlangen, vor Abgründen oder vor Menschen, die mit wütenden Gesichtern näherkommen. Ekel schützt uns vor Infektionen, denn wir ekeln uns vor allem, was Parasiten, Keime und Bakterien enthält und meiden deshalb verdorbenes Essen, tote Menschen und sichtbare Infektionen. Im archaischen, vorzivilisatorischen Leben waren diese Emotionen sehr wichtig und haben ihre Funktion erfüllt. In der modernen Gesellschaft laufen sie aber oft ins Leere. Menschen, die ihr direktes Umfeld als bedrohlich empfinden, neigen dazu, sich schützen zu wollen, auch wenn es keines Schutzes bedarf. Und wer sich zudem noch schnell vor Fremden ekelt, neigt zur Abschottung oder sogar zum Rassismus. Kurz gesagt: Hinter rechten Einstellungen stecken oft Ekel und Angst.

Philipp Hübl, Philosoph und Autor, hat in seinem Buch „Die aufgeregte Gesellschaft“ analysiert, wie Emotionen unsere Moral prägen und die Polarisierung verstärken. In „Bullshit-Resistenz“ setzte er sich mit Lügen, Fake-News und Verschwörungstheorien auseinander. Am 26. November 2019 ist er einer der Podiumsgäste der Diskussionsrunde „Macht.Worte“ im Münchner Volkstheater.

 

Was kann man dagegen tun?

Philipp Hübl: Das klingt jetzt wenig originell, aber Bildung ist ein sehr guter – wenn auch kein perfekter – Schutz gegen alle Formen des Extremismus. Gegen Verschwörungstheorien, gegen Fake-News, gegen populistisches Gedankengut, gegen Rechtsextremismus. Wenn jemand gebildeter ist, ist es ihm oder ihr typischerweise auch eher wichtig, zu schauen, wie die Welt wirklich ist, als jedes Vorurteil bestätigt zu bekommen.

Für Politiker heißt das: Sie müssen den Menschen klar machen, dass die Welt, in der wir jetzt leben, die sicherste ist, die es je gab. Es gibt keine ansteigende Kriminalität in Deutschland. Fremde sind nicht infektiös und „das Neue“ an sich stellt keine Gefahr dar. Das ist alles gut belegt. Dieses Wissen muss vermittelt werden.

 

Wenn wir so stark von Emotionen geleitet werden, ist dann ein unaufgeregter Diskurs überhaupt möglich?

Philipp Hübl: Das Problem entsteht, wenn Leute miteinander reden und wissen, dass sie beobachtet werden. Den Sprechenden ist dann am wichtigsten, die richtigen Gruppengesinnungssignale an ihre eigenen Leute zu senden. Das passiert zum Beispiel auf Twitter. Wer twittert, weiß, dass die ganze Peer Group zuschaut. Kritik und Lob werden dementsprechend verteilt. Man will ein gewisses Bild von sich an die eigenen Follower vermitteln. Sobald aber Menschen von Angesicht zu Angesicht miteinander reden, fangen sie an, Verständnis für die Gegenposition zu entwickeln und nähern sich eher der Meinung an. Auch das ist in vielen Studien belegt.

 

Also sollten wir mehr persönliche Gespräche führen?

Philipp Hübl: Jeder von uns sollte immer wieder das persönliche Gespräch mit Menschen suchen, die anders denken, ganz besonders, wenn uns rechte oder religiös extremistische Tendenzen bei jemandem im Freundeskreis auffallen. Diese Gespräche werden wahrscheinlich schwierig sein und lange dauern, aber es ist inzwischen erwiesen, dass so Annäherungen erreicht werden können. Wichtig ist dabei, gut vorbereitet zu sein. Außerdem empfehle ich jedem, auf Social Media die Kanäle zu abonnieren, die andere Meinungen als die eigene verbreiten. Das hilft, Argumente für den eigenen Standpunkt zu finden. Und auch mal die schwierigen Artikel in der Zeitung zu lesen.

 

Das klingt anstrengend.

Philipp Hübl: Leider ist das so. Alles was Wert hat im Leben, ist anstrengend. Aber wenn man es sich leicht macht und sich immer nur auf das Bauchgefühl verlässt, dann kommt man nicht weiter. Ja, es ist anstrengend, immer wieder das kritische Denken einzuschalten, sich selbst zu fragen: Glaube ich das, weil es einfach ist oder weil es gut begründet ist? Aber es lohnt sich. Immerhin ist unsere Gesellschaft heute aufgeklärter, offener und friedlicher als je zuvor.  

 

Bilder: ©iStock.com/wildpixel, ©Juliane Marie Schreiber

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