Demokratie geht uns alle an.

Der Journalismus muss das Vertrauen zurückgewinnen

 Bastian Obermayer, Co-Leiter im Ressort Investigative Recherche bei der Süddeutschen Zeitung (SZ), im Gespräch über den unprätentiösen Alltag in der Redaktion, das Zusammenspiel von unterschiedlichen Medien aus vielen Ländern und den Umgang mit Anfeindungen.

 

Herr Obermayer, Investigativ-Journalismus sei eine Säule der Demokratie, meinte Katharina Barley jüngst in einer Diskussion. Wie relevant ist diese Säule?

Bastian Obermayer: Medien spielen natürlich eine Rolle in der Demokratie. Dennoch habe ich ein komisches Gefühl, wenn ich das als Journalist so betone. Zumal es im Alltag nicht so ist, dass ich auf dem Weg zur Arbeit denke, oh, heute bin ich wieder investigativ und relevant für die Demokratie. Wir schreiben auch nicht täglich edle Geschichten. Wir recherchieren Themen und schreiben Artikel, von denen wir glauben, dass sie von öffentlichem Interesse sind und dass unsere Leserinnen und Leser sie lesen wollen. Und die Reaktionen zeigen, dass sie relevant sind.

 

In einer globalisierten, manchmal unübersichtlich wirkenden Welt können Medien Orientierung geben. Sie bieten dank sorgfältiger Recherche verlässliche Informationen. Es klingt pathetisch, aber es geht ja auch um Wahrheit.

Bastian Obermayer: Ja – und die Recherche der Wahrheit wird umso wichtiger, je mehr Politiker es so handhaben wie Donald Trump und dem Reflex erliegen, es nicht mit der Wahrheit zu halten.

 

Im Frühsommer haben Sie mit der Veröffentlichung des „Ibiza-Videos“ dazu beigetragen, dass die Regierungskoalition in Österreich auseinandergebrochen ist. Das Video zeigt, wie Heinz-Christian Strache, bis dahin Vizekanzler, einer vermeintlichen Oligarchen-Nichte geschäftliche Vorteile verspricht als Gegenleistung für Spenden an die rechtspopulistische Partei. Das mutet an wie Kinostoff.

Bastian Obermayer: Ja, wir hatten anfangs ständig das Gefühl, das hier ist die Sendung Verstecke Kamera. Deshalb sind wir bei den Treffen, bei denen uns der Mitschnitt gezeigt wurde, bewusst sehr formell aufgetreten – durchaus auch in dem Gedanken, man filmt unsere Reaktion. Das Setting mit der Oligarchen-Nichte war schon sehr schräg und wir waren doppelt vorsichtig.

 

Heinz-Christian Strache spricht recht unverblümt davon, im Gegenzug für Parteispenden auf die österreichische Kronen Zeitung einzuwirken, um Personen zu pushen. Ist eine solches Szenario auch in Deutschland denkbar?

Bastian Obermayer: Wir haben uns die Frage auch gestellt. Welcher deutsche Politiker oder welche Politikerin würden überhaupt zu so einem Meeting erscheinen? Mainstream-Politiker eher nicht, ich glaube, die sind zu professionell – auch wenn man nichts ausschließen kann. Aber die Situation war so offensichtlich riskant und könnte dem eigenen Fortkommen schaden. Allerdings kann ich mir solch ein Treffen bei der AfD vorstellen, da gibt es Leute, denen ist das zuzutrauen.

 

Ihre Redaktion hat es mit anonymen Tippgerbern zu tun, die unter Umständen eine eigene Agenda verfolgen. Wie stellen Sie sicher, dass Sie seriös informieren?

Bastian Obermayer: Wir prüfen die Angaben, wir stellen sicher, dass sie stimmen. Für uns ist wichtig, dass die Informationen von hohem Interesse für die Öffentlichkeit sind. Das gibt den Ausschlag. Die Motivation und Identität des Tippgebers sind zweitrangig. Nehmen wir das Beispiel, jemand würde behaupten, Frau Merkel sei bestechlich. Wenn diese Person Nachweise für diese Behauptung vorlegt, würden wir diese sorgfältig untersuchen und wenn sie stimmen, würden wir das auch veröffentlichen. Ob der Grund des Informanten die reine Wahrheitsliebe war oder ob parteitaktisches Kalkül aus den eigenen Reihen dafür verantwortlich war, ist zweitrangig.

 

Sie leiten gemeinsam mit Herrn Richter das Ressort Investigative Recherche bei der SZ. Ich nehme an, Sie haben viele Koordinationsaufgaben zu bewältigen, zumal Sie mit einer Vielzahl von Kolleginnen und Kollegen von Zeitungs-, Hörfunk- und TV-Redaktionen aus unterschiedlichsten Ländern zusammenarbeiten. Wie behalten Sie den Überblick?

Bastian Obermayer: Mit vielen gelben Klebezetteln auf dem Schreibtisch. Wir bemühen uns darum, Strukturen aufzubauen. Wir tauschen uns mit verschiedenen Kreisen auch international aus, wir besprechen uns auf Konferenzen, wir sorgen für Regelmäßigkeit. Ich glaube, früher war es ein bisschen komplizierter mit der Zusammenarbeit. In dem Beruf gibt es Menschen, die sich selbst sehr wichtig nehmen und Sachen gerne besser wissen. Das hat sich gebessert, man merkt, dass man gemeinsam etwas erreicht.

 

Bei Ihren Recherchen zu Steuerflucht und Steueroasen mussten riesige Datenmengen verstanden und ausgewertet werden – wie stelle ich mir das konkret vor? Wer arbeitet da wie mit wem zusammen?

Bastian Obermayer: Wir haben uns Unterstützung von Datenjournalisten geholt. Damals hatten wir es mit unstrukturierten Datenmengen zu tun, da war Expertenwissen gefragt. Inzwischen haben wir fünf, sechs Kolleginnen und Kollegen im Team. Bei Bedarf holen wir uns noch mehr Unterstützung.

 

So wandelt sich der Beruf des Redakteurs oder der Redakteurin. Abgesehen von digitalen Fähigkeiten, die es auch im Umgang mit neuen Medien braucht, welches persönliche Rüstzeug benötigen Nachwuchsblattmacher?

Bastian Obermayer: Neben Neugierde und Hartnäckigkeit ist aus meiner Sicht Flexibilität gefragt. Das ist kein Job, in dem man alles mit Routine abspielt. Offenheit für neue Wege und eine hohe Frustrationstoleranz sind ebenfalls wichtig. Denn man packt viele Themen an, muss sie dann aber auch liegen lassen, wenn man nicht weiterkommt. Wer ungeduldig ist und halbfertige Geschichten veröffentlicht, macht große Fehler. Es gibt noch eine weitere unterschätzte Tugend im Journalismus: Geduld.

 

Hat Ihre Art zu arbeiten eine Zukunft? Stichwort Zeitungssterben. Vor allem jüngere Leute scheinen eine Tageszeitung nicht zu vermissen und informieren sich über Snapchat oder Instagram. Wie gehen Sie mit dieser Entwicklung um? 

Bastian Obermayer: Es bringt nichts, zu lamentieren. Viele jüngere Menschen haben keine Printzeitung und sie tippen auch nicht süddeutsche.de in ihren Browser. Wir müssen sie also anders erreichen, auf anderen digitalen Kanälen. Und wir sehen auch zu, dass wir mit jungen Leuten ins Gespräch kommen. Wir gehen in Schulen, erklären, was eine Tageszeitung ist. Auch wenn Fragen kommen wie, „darf Frau Merkel entscheiden, was gedruckt wird?“, beantworten wir die. Und zwar ohne Arroganz, die es früher in unserer Branche gegeben hat. Wenn wir dann aber mit Schülerinnen und Schülern im Gespräch sind, interessieren sie sich für unsere Arbeit und für unsere Themen. Wir müssen eben dorthin gehen, wo junge Leute sind.

 

Bitter ist auch, dass im Deutschland des 21. Jahrhunderts ein Begriff wie „Lügenpresse“ erneut Konjunktur hat. Nicht selten gehen damit auch Gewaltandrohungen gegen Journalistinnen und Journalisten einher. Wie gehen Sie mit Anfeindungen um?

Bastian Obermayer: Auch wir bekommen viel Wut ab, erhalten bitterböse Briefe oder Mails. Wir spüren, dass man uns nicht vertraut. Deshalb setzen wir alles daran, das Vertrauen zurückzugewinnen. Indem wir genau recherchieren und beweisen, dass wir keine Scheuklappen haben. Wir sind transparent und gehen auch hier in den Dialog, vorausgesetzt natürlich, das Gegenüber ist nicht völlig destruktiv. Medienkompetenz ist nicht nur ein Stichwort für die jüngere Generation. Nach den Berichten über das Ibiza-Video haben einige Abonnenten ihr Abo gekündigt. Mit der Begründung, dass es ungeheuerlich sei, dass die Süddeutsche Zeitung Politikern mit Hilfe junger Russinnen Fallen stellt. Wir haben dann richtiggestellt, dass nicht wir es waren, die sich das ausgedacht haben. Wir haben darüber berichtet.

 

Bastian Obermayer

Bastian Obermayer ist ein vielfach für seine Reportagen und investigative Arbeit ausgezeichneter Journalist.
Er war maßgeblich beteiligt an der journalistischen Aufarbeitung des ADAC-Skandals und diverser Affären um Steuerflucht („Panama/Paradise Papers“). Im Frühsommer kam es nach der „Ibiza-Affäre“ in Österreich zum Bruch der Regierungskoalition. Im Alter von 14, 15 Jahren begeisterte er sich fürs Zeitungslesen. Nach dem Abitur studierte er Politik, Geschichte und Amerikanistik, seinen Interessen folgend. Anschließend besuchte er die Deutsche Journalistenschule. Heute leitet er gemeinsam mit Nicholas Richter das Ressort Investigative Recherche bei der SZ.

 

Beitragsbild: ©iStock.com/natasaadzic

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