Demokratie geht uns alle an.

„Du sollst dich erinnern!“

Freya Klier (69), ehemalige Bürgerrechtlerin der DDR, ist als „Botschafterin der Demokratie“ unterwegs. Die Zeitzeugin lässt den Unrechts-Staat DDR nicht in Vergessenheit geraten – lebendige Erinnerungskultur als Gegenmittel zum Rechtspopulismus.

 

Freie Wahlen. Mehrheiten für eine Idee organisieren. Meinungsäußerung ohne Einschüchterung. Schutz der Minderheiten. Freya Klier wird nicht müde, ein Loblied auf die Demokratie anzustimmen. „Demokratie ist toll. Alle können sich einbringen. Es ist die beste Grundlage für menschliches Zusammenleben“, sagt die Autorin und ehemalige Bürgerrechtlerin der DDR. Als „Botschafterin für Demokratie“ besucht sie Schulen – nicht nur in diesem Jahr, in dem wir uns an 30 Jahre Mauerfall erinnern. Sie schildert anschaulich und berührend den Druck, die gedankliche Enge und die Repressalien in einem undemokratischen Regime. Wie die Unfreiheit die Menschen lähmt, sie misstrauisch und auf gewisse Art auch kaputt macht. „Wenn ich vom Alltag damals berichte, dann wirkt das tief nach, anders, als wenn die Schülerinnen und Schüler das nur nachlesen würden“, so die Erfahrung der „Botschafterin für Demokratie.“

Freya Klier (69), ehemalige Bürgerrechtlerin der DDR,
ist als „Botschafterin der Demokratie“ unterwegs.

Die pure Willkür bringt sie ins Kinderheim

Entsprechend ihrem Lebensmotto – „Du sollst dich erinnern!“ –, nimmt Freya Klier sich die Freiheit, auch andere immer wieder daran zu erinnern, dass es sich lohnt, für die Demokratie einzustehen. Auch wenn es weh tut, wie ihre persönliche Geschichte zeigt. 1950 in Dresden geboren, kommt Freya Klier mit drei Jahren in ein Kinderheim. Warum? Ihre Mutter wurde brutal aus der Tram geschubst, ihr Vater wollte den Schubser zur Rechenschaft ziehen. Der Schubser war ein Polizist, damit hatte der Vater sich an der Staatsmacht DDR vergriffen. Es gab einen Schnellprozess, ohne Zeugen, ohne schriftliches Urteil, der Vater verschwand im sowjetischen Bergbau. Die Mutter konnte ihr geplantes Ingenieurstudium nicht antreten und musste stattdessen Nachtschichten in einem Produktionsbetrieb schieben. Die pure Willkür. „Im Kinderheim sollte uns eine staatsbürgerliche Erziehung angedeihen, wir wurden fast militärisch auf Stalinlinie gebracht“, schildert Klier. Was vor allem nachwirkt: Die Erinnerung an ein Jahr beinahe ohne menschliche Wärme, ohne Zuneigung oder ein liebevolles Wort.

Jahre später wird ihr Bruder (17) brutal von der DDR-Polizei traktiert und zu vier Jahren Haft verurteilt. Seine „Verfehlung“: der Besitz von Songtexten der Beatles und Rolling Stones, im DDR-Jargon „Schandtexte“. Freya Klier sucht damals nach Wegen, das Land zu verlassen, wird von der Stasi „in die Mangel genommen“ und ebenfalls ins Gefängnis gesperrt. Einschüchtern lässt sie sich allerdings nie – 1980 gehört sie zu den Mitgründerinnen der Friedensbewegung in DDR. Acht Jahre später werden sie und ihr damaliger Mann, der Liedermacher Stephan Krawczyk, zwangsweise in die BRD ausgebürgert. Das Paar wäre gerne geblieben, denn es wollte den DDR-Staat verändern, hatte Reformen im Sinn, wie Michail Gorbatschow sie ab 1985 in der Sowjetunion eingeleitet hatte.

Berufsverbot und Bespitzelung durch die Stasi

Drangsalierung, das Berufsverbot für die erfolgreiche Regisseurin, Bespitzelung durch den Staatssicherheitsdienst – und doch ließ sich Freya Klier nicht abbringen von ihrem Einsatz für demokratische Werte. Sie skizziert, unter welchen Voraussetzungen die Demokratie gedeiht: „Sie benötigt eine mitdenkende und mitarbeitende Bevölkerung. Es braucht soziale Gerechtigkeit und die Fähigkeit, mit anderen Menschen zu empfinden und auch den Wunsch, Schwachen zu helfen.“

Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung und antidemokratische Tendenzen in Deutschland und Europa beobachtet die DDR-Bürgerrechtlerin mit Sorge. Sie sieht in einem unaufrichtigen Umgang mit der DDR-Geschichte einen Grund etwa für den Aufschwung der AfD. Freya Klier hat einen ersten Essay über den Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit im Osten bereits im Jahre 1986 verfasst. „Oft wird vergessen, dass wir in den 1950er-Jahren fast unsere gesamte kritische Intelligenz Richtung Westen verloren haben. Davon hat sich auch die DDR nie wieder erholt“, sagt sie.

Wie hält die „Botschafterin der Demokratie“ dagegen? Natürlich damit, dass sie ihr Lebensmotto beherzigt und immer wieder daran erinnert, dass damals der DDR-Staat – anders als die BRD – kaum die NS-Zeit aufgearbeitet habe. „In der alten Bundesrepublik dauerte es mehr als 20 Jahre, bevor die Verstrickungen des Einzelnen ins NS-Regime ans Licht gezogen wurden. In der DDR ist gar nichts passiert. Unsere Geschichte hat unendlich viele Facetten, die wir erforschen müssen, so lange noch Zeitzeugen am Leben sind. Denn nur so verstehen auch die Jüngeren, wie die Geschichte bis heute nachwirkt – und dass es Dinge gibt und gegeben hat, die ältere Menschen auch Jahre nach der Friedlichen Revolution nicht zur Ruhe kommen lassen.“

 

Bilder: ©iStock.com/RolandBlunck, ©Nadja Klier

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