Demokratie geht uns alle an.

„Der Hass hat zugenommen – die Solidarität aber auch“

Seit 19 Jahren engagiert sich der Verein „Gesicht Zeigen!“ gegen Fremdenfeindlichkeit und rechte Gewalt. Geschäftsführerin Sophia Oppermann spricht im Interview über Enthemmung, das wichtige Gefühl, nicht allein zu sein, und Spaß bei der Aufklärungsarbeit. 

 

Frau Oppermann, hat sich der Umgang mit Demokratie in Deutschland verändert?

Sophia Oppermann: Ja, eindeutig. Seit knapp zehn Jahren beobachten wir ein Erstarken des Rechtspopulismus und Extremismus in Europa und der Welt, das auch die Einstellungen zur Demokratie und den Umgang mit ihr verändert hat. Wenn die AfD, die inzwischen selbst in Parlamenten sitzt, diese Parlamente lächerlich macht, dann ist das eine neue Schärfe.

Die Errungenschaften, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer stabil in die Zukunft blickenden demokratischen Nation gemacht haben, und die wir lange als selbstverständlich betrachtet haben, sind nicht mehr selbstverständlich. Sie müssen aktiv gestärkt und bewahrt werden. Das ist eine große Herausforderung, weil wir uns auch wieder deutlich machen müssen, was genau eigentlich so toll ist an der Demokratie.

 

Muss sich das diese Gesellschaft erst wieder erarbeiten?

Sophia Oppermann: Sie ist schon dabei, denke ich. Nach den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg gab es viele Kommentare in die Richtung: „Das ist kein tolles Wahlergebnis, aber wir spüren eine Politisierung in beiden Ländern.“ Die Leute streiten und gehen auch wieder auf die Straße, sie leisten Widerstand und halten ihn auch aus. Das ist eine neue Qualität. Allerdings ist es auch dringend notwendig, dass wir Meinungen, die wir nicht vertreten, anhören, gute Argumente dagegen haben und in die Diskussion gehen.

 

Gesicht Zeigen! unterstützt auch die #unteilbar-Demonstrationen. Im vergangenen Herbst sind beinahe eine Viertelmillion Menschen auf die Straße gegangen, in Dresden waren es Ende August rund 40.000. Welche Bedeutung hat das?

Sophia Oppermann: Es ist ein wichtiges Zeichen der Solidarität und hilft, sich gegenseitig darin zu bestärken, dass wir die Mehrheit darstellen, und zwar eine demokratische Mehrheit. Eine Gesellschaft braucht dieses gegenseitige Schulterklopfen, sonst denkt jeder, er sei der einzige auf weiter Flur, nach dem Motto, die anderen haben alle keinen Bock mehr oder schauen lieber Netflix.

 

Spüren Sie die Demokratieskepsis oder gar -feindlichkeit auch in der alltäglichen Arbeit?

Sophia Oppermann: Die Auseinandersetzung insbesondere auf Social Media ist viel schärfer geworden, die Zahl der Beleidigungen ist gestiegen, das, was man Hate Speech nennt, kommt häufiger vor. Ein Beispiel: Für die #unteilbar-Demo in Dresden haben wir mit unseren eigenen Fotos mobilisiert. Daraufhin hat ein Nutzer das Foto einer Mitarbeiterin so kommentiert: „Immer schön aufpassen an der Bahnsteigkante.“

 

Nach dem Unglück in Frankfurt, bei dem ein achtjähriger Junge ins Gleisbett gestoßen wurde und ums Leben kam, ist das eine kaum versteckte Drohung.

Sophia Oppermann: So haben wir es auch empfunden. Das sind Enthemmungen, die es vor drei, vier oder fünf Jahren absolut noch nicht gab. Wir bekommen mehr Hass ab – aber auch mehr Solidarität. Beispielsweise steigt die Zahl unserer Mitgliedschaften.

 

Bunter Wahlkampf - Plakataktion von Gesicht Zeigen!

Bunter Wahlkampf – Plakataktion von Gesicht Zeigen!

Gibt es heute andere Themen als vor 19 Jahren, etwa in ihren Workshops mit Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften?

Sophia Oppermann: Das ist auch konjunkturabhängig. 2015 ist das Interesse am Thema Asyl und Flucht gestiegen, das hatte natürlich damit zu tun, dass Willkommensklassen eingerichtet wurden, dass Teilnehmende unserer Workshops neue Mitschülerinnen und Mitschüler mit Fluchthintergrund in der Klasse hatten und darüber sprechen wollten. Die Auseinandersetzung geht heute tiefer, es wird gezielter angefragt und wir können gezielter anbieten. Während wir früher Workshops allgemein über Rechtsextremismus abgehalten haben, sind unsere Angebote heute spezifischer, etwa „Was sind rechtsextreme Codes?“ oder „Welche rassistischen Strukturen gibt es in Behörden?“.

 

Welche Konzepte oder Vorgehensweisen haben sich bewährt?

Sophia Oppermann: Wir haben ein eigenes Portfolio entwickelt, wie wir arbeiten und wie wir auf Leute zugehen, egal ob es eine Grundschulklasse oder ein Lehrerkollegium ist. Unser Ansatz ist, dass jede Form von politischer Bildung und Aufklärungsarbeit Spaß machen soll. Schließlich wollen wir die Leute motivieren und gemeinsam etwas bewegen. Außerdem geht es um Respekt und Wertschätzung. Wir signalisieren immer: Eure Meinung ist uns wichtig. Wir halten keine Vorträge, sondern tauschen uns aus.

 

Gibt es ein Projekt, das beispielhaft für Ihre Arbeit ist?

Sophia Oppermann: Mit dem Störungsmelder on Tour besuchen wir Schülerinnen und Schüler bundesweit und diskutieren mit ihnen über ihre Erfahrungen mit Rechtsextremismus und Ausgrenzung. Wir haben einen Promi dabei, der gut vorbereitet ist, sich Zeit nimmt und kommen dann ins Gespräch.

 

Es geht also nicht nur um das bekannte Gesicht, sondern auch um Authentizität?

Sophia Oppermann: Das ist total wichtig, denn die Schülerinnen und Schüler merken sofort, ob jemand nur Autogramme geben oder wirklich ins Gespräch kommen will.

 

Können Sie ein Beispiel nennen?

Sophia Oppermann: Wir haben ganz, ganz grandiose Workshops mit Thomas Hitzlsperger erlebt, der mit Schulklassen über Homophobie im Fußball gesprochen hat. Er wollte explizit keine Presse dabeihaben und hat dann ganz authentisch von sich selbst gesprochen, von seinem Outing und seinen Erfahrungen. Das war toll. Denn wir wissen, dass „schwul“ immer noch eines der häufigsten Schimpfworte auf deutschen Schulhöfen ist. Und wenn dann einer kommt, der Profifußballer war und sagt: „Leute, ich bin schwul, wo ist das Problem?“ ist das super und kann etwas bewegen. Wir können mit so einem Besuch nicht die Welt retten, aber Denkanstöße geben.

Bei der Zusammenarbeit mit bekannten Persönlichkeiten geht es uns auch darum, gesellschaftliche Verantwortung einzufordern. Und zwar nicht nur von Fußballern oder Künstlerinnen und Künstlern, sondern auch von Menschen aus Politik und Wirtschaft. Vor allem die Wirtschaft nimmt meiner Ansicht nach diese Verantwortung noch zu wenig wahr.

 

Wo stoßen Sie als private Initiative auch an Grenzen?

Sophia Oppermann: Wenn wir für ein Projekt einen Tag vor Ort sind, können wir keine rechtsextremen Weltbilder aufknacken. Dafür braucht es langfristige Angebote wie Schulsozialarbeit und anderes. Was wir auch nicht machen, ist Ausstiegsarbeit, das machen andere Träger.

An Grenzen stoßen wir vor allem, was die Finanzierung und die Nachhaltigkeit angeht. Wir sind immer davon abhängig, Gelder zu bekommen, wie viele andere Initiativen auch. Das ist ein Punkt, an dem wir uns mehr Unterstützung durch die Politik wünschen, etwa durch ein Demokratiefördergesetz, das die Finanzierung von Extremismusprävention langfristig absichern könnte.

 

„Wir wollen die Leute motivieren und gemeinsam etwas bewegen.“ Sophia Oppermann, Geschäftsführerin von Gesicht Zeigen!

Sophia Oppermann ist Geschäftsführerin und Vorstandsmitglied des Vereins „Gesicht Zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland“. Der Verein wurde im Jahr 2000 von dem Publizisten Uwe-Karsten Heye, dem damaligen Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, und dem Politiker und Publizisten Michel Friedmann als Reaktion auf rassistisch motivierte Übergriffe gegründet. „Gesicht Zeigen!“ tritt für ein weltoffenes und tolerantes Deutschland ein und ermutigt Menschen, aktiv zu werden gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und rechtsextreme Gewalt. Der Verein leistet Aufklärungs- und Projektarbeit und bezieht Stellung zu politischen Debatten. Sein Sitz ist in Berlin. https://www.gesichtzeigen.de

 

Bilder: © Gesicht Zeigen!

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